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Der Preis des Besonderen – warum wir Luxus lieben und für ein Logo bezahlen

Von 6.000 Jahre altem Gold über zwei gekreuzte Schwerter bis zur Handtasche, die man nicht einfach kaufen kann. Eine kleine Geschichte des Luxus – und dessen, was wir eigentlich für wertvoll halten.

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Am 8. November 1722 hatte Johann Melchior Steinbrück, Inspektor der Meissener Porzellanmanufaktur, eine Idee. Er schlug vor, die Erzeugnisse der Manufaktur künftig mit zwei gekreuzten Schwertern zu kennzeichnen, entnommen aus dem kursächsischen Wappen. Das klingt zunächst wenig aufregend. Zwei blaue Schwerter auf weißem Porzellan. Doch hinter diesem Vorschlag verbarg sich ein Problem, das die Luxusindustrie bis heute beschäftigt: Wie stellt man sicher, dass etwas Besonderes auch als etwas Besonderes erkannt wird?

„Marken“ war das Thema der „2aufeins“-Sendung am letzten Sonntag. Und von mir wollten die feinen Herren Moderatoren gerne wissen, was es denn mit den Luxusmarken und ihrer Verknappung von Waren auf sich hat. Nachhören könnt ihr das „radioeins“-Interview hier:

Die 1710 gegründete Manufaktur hatte zunächst einen entscheidenden Vorteil besessen. Sie beherrschte ein Herstellungsverfahren, das in Europa lange als Geheimnis gegolten hatte: die Produktion von Hartporzellan. Doch das Wissen verbreitete sich, weitere Manufakturen entstanden und mit ihnen die Notwendigkeit, die eigenen Erzeugnisse von denen der Konkurrenz zu unterscheiden. Die gekreuzten Schwerter sollten Herkunft und Echtheit erkennbar machen. Im Laufe der Zeit wurden sie selbst zu einem Zeichen für Qualität, Tradition und Exklusivität.

Damit war etwas geschehen, das uns heute vollkommen selbstverständlich erscheint: Nicht mehr allein das Material, die Verarbeitung oder die Schönheit eines Gegenstands bestimmten seinen Wert. Auch die Frage, wer ihn hergestellt hatte, wurde bedeutsam.

Und vielleicht beginnt genau hier eine besonders interessante Geschichte. Denn warum sind wir bereit, für zwei äußerlich ähnliche Gegenstände vollkommen unterschiedliche Preise zu bezahlen, nur weil auf dem einen ein bestimmter Name steht? Was macht eine Handtasche, eine Uhr oder ein Paar Schuhe zum Luxus? Und warum kann es den Wert eines Produkts sogar steigern, wenn wir es gar nicht ohne Weiteres kaufen dürfen?

Luxus ist älter als die Luxusmarke

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst deutlich weiter zurückreisen als ins Sachsen des 18. Jahrhunderts.

1972 stieß ein Baggerführer bei Arbeiten in der bulgarischen Hafenstadt Varna auf einen archäologischen Fund, dessen Bedeutung zunächst kaum abzusehen war. Die folgenden Ausgrabungen brachten ein Gräberfeld aus dem fünften Jahrtausend vor Christus zum Vorschein. Neben Werkzeugen und anderen Grabbeigaben fanden die Archäologen Tausende Goldobjekte, insgesamt rund sechs Kilogramm des kostbaren Metalls. Sie gehören zu den ältesten bekannten umfangreichen Goldfunden der Menschheitsgeschichte.

Gold aus dem Gräberfeld von Varna in Bulgarien. Bereits im fünften Jahrtausend vor Christus investierten Menschen erhebliche Ressourcen in kostbare Gegenstände, die vermutlich auch soziale und rituelle Bedeutung besaßen.
Quelle: Varna Necropolis Gold Display – Wikimedia Commons.
Lizenz: CC BY 4.0 · Urheber: CryolophosaurusEllioti

Bemerkenswert war nicht nur das Alter des Goldes, sondern auch seine Verteilung. Während manche Gräber reich ausgestattet waren, enthielten andere kaum vergleichbare Kostbarkeiten. Offenbar spielten Besitz, gesellschaftliche Stellung oder rituelle Bedeutung bereits damals eine wichtige Rolle.

Natürlich wäre es anachronistisch, die Menschen von Varna zu frühen Luxusmarkenkäufern zu erklären. Wir wissen nicht genau, welche Bedeutung die einzelnen Gegenstände für ihre Besitzer hatten. Doch eines lässt sich feststellen: Schon vor mehr als 6.000 Jahren investierten Menschen erhebliche Ressourcen in Objekte, deren Bedeutung weit über einen unmittelbaren praktischen Nutzen hinausging.

Später begegnet uns dieses Prinzip in nahezu allen Hochkulturen. Ägyptische Pharaonen ließen sich mit Gold, kostbaren Steinen und kunstvoll gearbeiteten Gegenständen bestatten. Im Römischen Reich demonstrierten wohlhabende Bürger ihren Rang mit kostbaren Stoffen, Silbergeschirr, exotischen Speisen und aufwendig ausgestatteten Villen. Die römische luxuria war dabei keineswegs unumstritten. Schon antike Autoren beklagten, übertriebener Luxus untergrabe die Tugenden der Gesellschaft. Gesetze versuchten zeitweise, bestimmte Formen des demonstrativen Konsums einzuschränken.

Römische Silberschale mit der Darstellung der Minerva aus dem Hildesheimer Silberfund. Kostbares Tafelgeschirr verband handwerkliche Kunstfertigkeit mit der gesellschaftlichen Repräsentation seiner Besitzer.
Quelle: Roman Silver Treasure from Hildesheim – Wikimedia Commons.
Foto: Gary Todd · CC0 1.0 ·

Die Klage darüber, dass Menschen viel zu viel Geld für Dinge ausgeben, die sie eigentlich nicht brauchen, ist also selbst schon ziemlich alt.

Interessanter ist allerdings, was all diese Beispiele miteinander verbindet: Kostbare Gegenstände erfüllen nicht nur einen Zweck. Sie erzählen auch etwas über ihre Besitzer, über deren Möglichkeiten, Stellung, Geschmack oder Zugehörigkeit.

Luxus war von Anfang an nicht nur eine Frage des Besitzes, sondern auch eine Frage der Bedeutung.

Wie aus einem Namen ein Vermögen wird

Die moderne Luxusmarke entsteht vor allem im 18. und 19. Jahrhundert. Mit der Industrialisierung, dem Aufstieg des wohlhabenden Bürgertums und der Ausweitung internationaler Märkte verändert sich die Welt des Konsums grundlegend. Immer mehr Waren werden für immer mehr Menschen verfügbar. Zugleich wächst das Bedürfnis, sich durch besondere Waren von anderen zu unterscheiden.

1837 eröffnet Thierry Hermès in Paris eine Werkstatt für Pferdegeschirre. 1854 gründet Louis Vuitton sein Unternehmen für Reisegepäck. Beide stehen zunächst für handwerkliche Spezialisierung und die Bedürfnisse einer wohlhabenden Kundschaft. Ihr heutiger Status als weltweit bekannte Luxusmarken entwickelt sich erst über Generationen.

Louis, Georges und Gaston-Louis Vuitton im Hof der Werkstätten von Asnières, um 1888. Aus einem spezialisierten Reisegepäckgeschäft entwickelte sich eine der bekanntesten Luxusmarken der Welt.
Quelle: Famille-Vuitton 1888 – Wikimedia Commons.
Historische Aufnahme, Fotograf unbekannt · Gemeinfrei laut Commons · Originalnachweis: Louis Vuitton Archives.

Besonders aufschlussreich ist die Geschichte von Louis Vuitton. Seine Reisekoffer waren erfolgreich, so erfolgreich, dass sie nachgeahmt wurden. 1896 entwickelte sein Sohn Georges das heute berühmte Monogramm mit den ineinander verschlungenen Initialen LV und den stilisierten Blütenmotiven. Es sollte die Produkte unverwechselbar machen und zugleich vor Nachahmungen schützen.

Ein Louis-Vuitton-Reisekoffer mit dem berühmten Monogramm. Was ursprünglich auch der Wiedererkennbarkeit und dem Schutz vor Nachahmungen diente, wurde selbst zum begehrten Markenzeichen.
Quelle: Louis Vuitton Trunk – Wikimedia Commons.
Foto: ajay_suresh · CC BY 4.0 ·

Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Ein Zeichen, das ursprünglich dabei helfen sollte, ein Original von einer Kopie zu unterscheiden, wurde selbst zu einem wesentlichen Teil dessen, was Menschen begehrten.

Damit verschiebt sich der Wert eines Gegenstands. Eine Tasche ist nicht mehr nur deshalb begehrenswert, weil sie besonders gut verarbeitet ist oder aus einem bestimmten Leder besteht. Sie ist auch deshalb begehrenswert, weil sie von Louis Vuitton stammt.

Die Herkunft wird zum Versprechen. Der Name zur Geschichte. Das Zeichen zum Wert.

Und genau darin liegt die eigentliche Leistung moderner Markenbildung: Sie verbindet materielle Eigenschaften mit Vorstellungen, Erwartungen und Gefühlen, die weit über den Gegenstand hinausreichen.

Wir bezahlen nicht für das Logo. Wir bezahlen dafür, dass es etwas bedeutet.

Eine Rolex zeigt die Zeit an. Eine Hermès-Tasche transportiert persönliche Gegenstände. Ein Porsche bringt uns von einem Ort zum anderen. Natürlich können alle drei Produkte technisch, handwerklich und ästhetisch hervorragende Leistungen bieten. Doch ihre Preise lassen sich nicht allein durch ihre praktischen Funktionen erklären.

Das bedeutet keineswegs, dass die Käufer irrational handeln oder sich täuschen lassen. Sie kaufen schlicht etwas anderes mit.

Eine Uhr kann für beruflichen Erfolg stehen, für eine persönliche Belohnung, für die Erinnerung an einen wichtigen Lebensabschnitt. Eine Tasche kann Zugehörigkeit signalisieren, ästhetischen Geschmack ausdrücken oder den Wunsch erfüllen, etwas Besonderes zu besitzen. Und manchmal geht es tatsächlich darum, anderen zu zeigen, was man sich leisten kann.

Der amerikanische Ökonom und Sozialkritiker Thorstein Veblen beschrieb bereits 1899 in seiner Theory of the Leisure Class den demonstrativen Konsum. Bestimmte Güter werden nicht nur wegen ihres Nutzens begehrt, sondern auch deshalb, weil ihr Besitz Wohlstand und gesellschaftliche Stellung sichtbar macht.

Das erklärt allerdings nur einen Teil des Phänomens.

Denn Marken funktionieren ähnlich wie eine Sprache. Ein Logo ist zunächst nichts anderes als ein Zeichen. Seine Bedeutung entsteht dadurch, dass Menschen gelernt haben, es mit bestimmten Vorstellungen zu verbinden. Die Rolex-Krone, die ineinander verschlungenen Buchstaben von Louis Vuitton oder die gekreuzten Schwerter von Meissen sagen uns etwas, ohne dass dafür ein einziges Wort ausgesprochen werden muss.

Wir bezahlen also nicht einfach für ein Logo. Wir bezahlen dafür, dass das Logo eine Geschichte erzählt, die andere verstehen, und die wir vielleicht auch über uns selbst erzählen möchten.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in seiner Untersuchung der gesellschaftlichen Unterschiede des Geschmacks gezeigt, dass Konsum auch dazu dient, soziale Zugehörigkeit und Abgrenzung herzustellen. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern ebenso um Bildung, Gewohnheiten und kulturelles Wissen.

Das erklärt eine zunächst merkwürdige Entwicklung der jüngeren Luxusmode.

Wenn man den Luxus nicht mehr sehen soll

Lange Zeit war die Logik des demonstrativen Luxus vergleichsweise einfach: Ein auffälliges Logo machte sichtbar, was man besaß. Je bekannter das Zeichen, desto leichter ließ sich die Botschaft verstehen.

Doch es gibt auch eine gegenläufige Form des Luxus, die unter dem Begriff Quiet Luxury bekannt geworden ist. Hier verzichten teure Kleidungsstücke und Accessoires bewusst auf auffällige Markenzeichen. Eine Jacke kann mehrere Tausend Euro kosten und dennoch aussehen wie eine ausgesprochen gewöhnliche Jacke.

Warum sollte jemand so viel Geld für ein Produkt ausgeben, dessen Preis die meisten Menschen gar nicht erkennen?

Vielleicht gerade deshalb.

Denn während ein weithin bekanntes Logo vor allem wirtschaftliche Möglichkeiten signalisiert, setzt unauffälliger Luxus zusätzlich ein bestimmtes Wissen voraus. Man muss die Materialien, die Schnitte, die Verarbeitung oder den Hersteller kennen, um den Gegenstand einordnen zu können.

Die Botschaft lautet dann nicht mehr: Seht her, was ich mir leisten kann. Sondern eher: Wer sich auskennt, wird es ohnehin erkennen.

Das ist keine Überwindung des Statuskonsums, sondern möglicherweise seine Verfeinerung. Die soziale Abgrenzung wird subtiler, weil nicht mehr alle Menschen den Code verstehen sollen.

Allerdings wäre es zu einfach, jeden Kauf eines teuren, unauffälligen Gegenstands auf Status zurückzuführen. Menschen können sich ebenso aus Freude an handwerklicher Qualität, aus ästhetischer Überzeugung oder zur persönlichen Belohnung für ein solches Produkt entscheiden. Nicht jeder Luxus braucht ein Publikum.

Warum uns das Original mehr bedeutet als die Kopie

Im Jahr 2017 wurde bei einer Auktion in New York eine Armbanduhr für umgerechnet rund 15 Millionen Euro versteigert. Es handelte sich um eine Rolex Daytona aus dem Besitz des Schauspielers Paul Newman. Technisch war diese Uhr keineswegs einzigartig. Andere Exemplare desselben Modells konnten die Zeit ebenso zuverlässig anzeigen, und selbstverständlich hätte man für einen winzigen Bruchteil des Preises eine funktional gleichwertige Uhr erwerben können.

Was diese Rolex so außergewöhnlich wertvoll machte, war ihre Geschichte. Paul Newman hatte sie getragen, seine Frau Joanne Woodward hatte sie ihm geschenkt, und auf der Rückseite war eine persönliche Widmung eingraviert. Der Käufer erwarb also nicht einfach eine Uhr, sondern einen Gegenstand, der mit einer bestimmten Person und ihrer Biografie untrennbar verbunden war.

Das Phänomen ist keineswegs auf Luxusmarken beschränkt. Ein Buch mit einer handschriftlichen Widmung seines Autors kann für einen Sammler wesentlich wertvoller sein als ein identisches Exemplar ohne Widmung. Eine Gitarre, auf der ein berühmter Musiker gespielt hat, klingt deshalb nicht zwangsläufig besser. Und ein Originalgemälde besitzt eine andere kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung als eine technisch noch so perfekte Reproduktion.

In allen diesen Fällen liegt ein Teil des Wertes in etwas, das sich nicht einfach kopieren lässt: in der Herkunft des Gegenstands und in der Geschichte, die er mit sich trägt.

Man könnte sogar noch weiter zurückgehen. Im Mittelalter wurden Reliquien verehrt, weil man davon ausging, dass sie mit einer heiligen Person unmittelbar verbunden waren. Ihr Wert beruhte nicht auf dem Material, sondern auf der zugeschriebenen Authentizität und Bedeutung. Natürlich sind eine Reliquie und eine Luxusuhr nicht dasselbe. Aber beide zeigen, dass Menschen Gegenständen eine besondere Bedeutung beimessen können, die sich nicht aus deren praktischen Eigenschaften erklären lässt.

Für Luxusmarken ist diese Verbindung von Gegenstand und Geschichte von zentraler Bedeutung. Werkstätten, Gründerpersönlichkeiten, berühmte Kunden, historische Orte und überlieferte Fertigungstechniken bilden eine Erzählung, die sich nicht beliebig reproduzieren lässt. Eine neue Marke kann hervorragende Produkte herstellen und viel Geld in Werbung investieren. Sie kann aber nicht nachträglich eine zweihundertjährige Unternehmensgeschichte erwerben.

Allerdings sind solche Markengeschichten immer auch sorgfältig ausgewählt. Unternehmen erzählen vorzugsweise jene Episoden ihrer Vergangenheit, die zur heutigen Identität passen. In gewisser Weise tun sie damit nichts anderes als Menschen, die ihre eigene Biografie erzählen: Auch wir wählen aus, setzen Schwerpunkte und schaffen Zusammenhänge.

Vielleicht liegt darin eine der bemerkenswertesten Leistungen erfolgreicher Luxusmarken: Sie verwandeln ihre eigene Vergangenheit in einen Teil des gegenwärtigen Produktwertes.

Wir kaufen eben nicht immer nur einen Gegenstand. Manchmal kaufen wir auch die Geschichte, die mit ihm verbunden ist.

Warum es manchmal schwieriger ist, eine Tasche zu kaufen, als sie zu bezahlen

Zu den eigenartigsten Erscheinungen des Luxusmarktes gehört, dass manche Produkte nicht einfach für jeden Interessenten verfügbar sind. Es gibt Wartelisten, limitierte Editionen, exklusive Einladungen und Modelle, deren Zugang von Kundenbeziehungen oder Verfügbarkeit abhängt.

Das klingt zunächst widersinnig. Schließlich wollen Unternehmen ihre Produkte verkaufen. Warum sollten sie also den Zugang erschweren?

Weil Knappheit selbst einen Wert erzeugen kann.

Der psychologische Mechanismus ist gut nachvollziehbar. Was schwer erhältlich ist, erscheint uns häufig begehrenswerter. Allerdings reicht Knappheit allein nicht aus. Ein seltenes Produkt, das niemand haben möchte, wird durch seine Seltenheit nicht automatisch zum Luxusgegenstand.

Entscheidend ist die Verbindung von Knappheit und Begehren.

Erst wenn viele Menschen etwas besitzen möchten, wird die eingeschränkte Verfügbarkeit zu einem zusätzlichen Reiz. Dann kann sich sogar das Verhältnis zwischen Anbieter und Käufer verändern.

Normalerweise versucht ein Unternehmen, Kunden davon zu überzeugen, ein Produkt zu kaufen. Bei besonders begehrten Luxusgütern kann es umgekehrt sein: Der Kunde bemüht sich darum, überhaupt die Möglichkeit zum Kauf zu erhalten.

Die Frage lautet plötzlich nicht mehr, ob man eine bestimmte Tasche wirklich braucht oder ob ihr Preis angemessen ist. Sie lautet: Bekomme ich überhaupt eine?

Dabei sollte man unterscheiden, ob die Knappheit tatsächlich aus begrenzten handwerklichen Kapazitäten, seltenen Materialien oder langen Herstellungsprozessen entsteht oder ob sie bewusst als Marketinginstrument eingesetzt wird. Häufig spielen mehrere Faktoren zusammen.

Das eigentliche Kunststück besteht jedenfalls nicht darin, etwas knapp zu machen. Es besteht darin, etwas so begehrenswert zu machen, dass seine Knappheit Bedeutung erhält.

Die merkwürdige Angst vor dem eigenen Erfolg

Damit geraten Luxusmarken in einen Widerspruch, den andere Unternehmen in dieser Form kaum kennen.

Jedes Unternehmen möchte wachsen, mehr Kunden gewinnen und seinen Umsatz steigern. Doch für eine Luxusmarke kann ausgerechnet dieser Erfolg zum Problem werden.

Wenn ein Produkt überall erhältlich ist und von immer mehr Menschen getragen wird, kann es einen Teil seiner exklusiven Bedeutung verlieren. Was gestern noch als Zeichen besonderer Zugehörigkeit galt, wird heute gewöhnlich.

Luxusunternehmen müssen deshalb etwas ausgesprochen Schwieriges schaffen: Sie wollen wirtschaftlich erfolgreich sein, ohne ihre Produkte alltäglich erscheinen zu lassen.

Dazu gehört auch die Preisgestaltung. Während Preisnachlässe in vielen Märkten als Kaufanreiz funktionieren, können sie bei Luxusprodukten das Gegenteil bewirken. Wenn eine Tasche, die gestern noch 5.000 Euro gekostet hat, plötzlich überall für 1.500 Euro angeboten wird, könnte das die Frage aufwerfen, worauf sich ihr ursprünglicher Wert eigentlich gründete.

Der hohe Preis ist also nicht immer nur eine Folge von Qualität, Herstellungskosten und Nachfrage. Er kann selbst Teil der Markenbotschaft sein.

Natürlich gilt das nicht für jeden Käufer und jedes Produkt. Und auch Luxusmarken können ihre Attraktivität nicht beliebig durch Preiserhöhungen steigern. Doch grundsätzlich zeigt sich hier ein ungewöhnlicher Zusammenhang: Was bei gewöhnlichen Waren als Hindernis gilt, kann bei Luxusgütern zum Bestandteil ihrer Begehrlichkeit werden.

Die eigentliche Herausforderung lautet deshalb: Wie kann eine Luxusmarke möglichst erfolgreich werden, ohne gewöhnlich zu werden?

Was aber, wenn Luxus gar kein Gegenstand mehr ist?

Vielleicht ist die interessanteste Entwicklung des Luxusbegriffs gegenwärtig gar nicht im Schaufenster einer exklusiven Boutique zu beobachten.

Über Jahrtausende bestand Luxus häufig im Zugang zu seltenen Materialien und kostbaren Gegenständen. Seide, Gewürze, Gold, Porzellan oder aufwendig gefertigte Möbel waren nicht überall verfügbar. Wer sie besaß, verfügte über Ressourcen und Möglichkeiten, die anderen fehlten.

In wohlhabenden Gesellschaften hat sich dieses Verhältnis teilweise verändert. Viele materielle Dinge sind heute in einer Vielfalt verfügbar, die frühere Generationen kaum für möglich gehalten hätten. Wir können Produkte aus aller Welt bestellen, jederzeit Unterhaltung abrufen und auf ein beinahe unbegrenztes Angebot an Informationen zugreifen.

Doch gerade deshalb werden andere Dinge knapp.

Zeit beispielsweise. Ruhe. Privatsphäre. Persönliche Aufmerksamkeit. Ungestörte Gespräche. Orte, an denen wir nicht permanent erreichbar sind. Erfahrungen, die sich nicht beliebig wiederholen oder reproduzieren lassen.

Ein luxuriöses Hotel kann seinen Gästen vergoldete Armaturen und besonders kostbare Möbel anbieten. Vielleicht besteht der größere Luxus aber darin, dass sich jemand um alles kümmert und man selbst für ein paar Tage keine einzige Entscheidung treffen muss.

Ein exklusives Restaurant verkauft nicht nur hervorragendes Essen, sondern auch Zeit, Atmosphäre und persönliche Zuwendung. Und ein handgefertigter Gegenstand kann gerade deshalb wertvoll sein, weil wir wissen, dass ein Mensch viele Stunden seiner Arbeit in ihn investiert hat.

Interessant wird diese Entwicklung durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz.

Wenn Texte, Bilder, Musik, Designs und persönliche Botschaften in immer größerer Menge automatisch erzeugt werden können, verändert sich möglicherweise auch unsere Wahrnehmung dessen, was besonders ist.

Vielleicht gewinnt dann ausgerechnet das an Bedeutung, was sich nicht ohne Weiteres automatisieren lässt. Ein handgeschriebener Brief. Ein Gegenstand, den jemand eigens für uns angefertigt hat. Ein Gespräch, in dem ein anderer Mensch uns seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.

Das muss nicht bedeuten, dass solche Erfahrungen grundsätzlich wertvoller sind als technisch erzeugte Leistungen. Aber ihre Besonderheit könnte stärker darin liegen, dass sie begrenzt, persönlich und nicht beliebig vervielfältigbar sind.

Ausgerechnet in einer Welt, in der immer mehr Dinge nahezu unbegrenzt hergestellt werden können, könnte das Unskalierbare zu einer neuen Form des Luxus werden.

Was wir für wertvoll halten

Vielleicht erzählen Luxusgegenstände deshalb weniger über unseren Wohlstand, als wir zunächst glauben. Sie erzählen auch etwas darüber, was eine Gesellschaft vermisst, bewundert oder für besonders begehrenswert hält.

Wo Lebensmittel knapp sind, kann ein üppiges Mahl Luxus bedeuten. Wo Wohnraum fehlt, wird Fläche zum Privileg. Wo Menschen ständig erreichbar sind, kann Unerreichbarkeit kostbar werden. Und wo uns Informationen und Unterhaltung in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen, gewinnt vielleicht die Fähigkeit an Wert, sich ihnen für eine Weile zu entziehen.

Damit schließt sich der Kreis zu den beiden gekreuzten Schwertern aus dem Jahr 1722.

Sie sollten ursprünglich kenntlich machen, welches Porzellan aus einer bestimmten Manufaktur stammte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde aus dieser Herkunftskennzeichnung ein Zeichen, das weit mehr versprach als nur eine bestimmte Herstellungsstätte.

Moderne Luxusmarken haben dieses Prinzip perfektioniert. Sie verkaufen nicht nur Gegenstände, sondern auch Herkunft, Geschichte, Zugehörigkeit und Vorstellungen davon, wer wir sind oder gerne wären.

Doch vielleicht lohnt es sich, bei aller Faszination für berühmte Namen, seltene Materialien und kostspielige Produkte die Perspektive einmal umzudrehen.

Wenn wir verstehen wollen, was Menschen wirklich für wertvoll halten, sollten wir nicht nur danach fragen, wofür sie viel Geld ausgeben. Wir sollten auch fragen, was ihnen fehlt und was sie sich wünschen, obwohl es sich mit Geld nicht ohne Weiteres beschaffen lässt.

Denn möglicherweise besteht der größte Luxus unserer Zeit gar nicht darin, etwas zu besitzen, das sich nur wenige leisten können.

Sondern darin, über etwas zu verfügen, das sich überhaupt nicht kaufen lässt.

Und vielleicht ist genau das die Frage, die hinter jedem Luxusgegenstand steckt: Was ist uns eigentlich wirklich etwas wert?

Quellen und zum Weiterlesen.

Bourdieu, P. (1984). Distinction: A social critique of the judgement of taste (R. Nice, Übers.). Harvard University Press. (Originalwerk veröffentlicht 1979).

Die Ausgabe von 1984 ist die englische Übersetzung von La distinction: Critique sociale du jugement.

Veblen, T. (1899). The theory of the leisure class: An economic study in the evolution of institutions. Macmillan.

Digitalisierte Ausgabe lesen.

Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen. (o. D.). Swords – Die gekreuzten Schwerter und ihre Geschichte. https://www.meissen.com/swords

Deutsches Patent- und Markenamt. (o. D.). Die gekreuzten Schwerter. DPMA – Markengeschichte

Eine wichtige unabhängige Ergänzung zur Darstellung der Manufaktur. Beschreibt die Entstehung, Durchsetzung und spätere Registrierung des Markenzeichens.

Die gekreuzten Schwerter

Hermès. (o. D.). Sechs Generationen von Handwerkern. Hermès – Unternehmensgeschichte

Dokumentiert die Gründung der Pariser Werkstatt durch Thierry Hermès im Jahr 1837 und die Entwicklung des Unternehmens.

Louis Vuitton. (o. D.). Tradition von Louis Vuitton: Eine Geschichte seit 1854. Louis Vuitton – Geschichte seit 1854

Belegt die Unternehmensgründung und die Entwicklung des Reisegepäckgeschäfts sowie die Einführung des Monogramms durch Georges Vuitton 1896.

Louis Vuitton. (o. D.). Das Monogram. Louis Vuitton – Geschichte des Monogramms

Spezifischer Beleg für die Gestaltung des Monogramms von 1896 und seine Bedeutung für die Markenidentität.

Visit Varna. (o. D.). Varna Chalcolithic Necropolis – The oldest processed gold treasure in the world. Visit Varna – Gräberfeld und Goldschatz

Belegt die Entdeckung im Oktober 1972, den archäologischen Fundort und die Datierung auf etwa 4600–4200 v. Chr.

Phillips. (2017, 26. Oktober). Paul Newman’s ‚Paul Newman‘ Rolex Daytona sets world record, fetches $17.8 million. Phillips – Auktionsbericht

Das Auktionshaus bestätigt den Verkaufspreis von 17.752.500 US-Dollar am 26. Oktober 2017. Damit ist die Zahl unmittelbar durch den Veranstalter der Auktion belegt

ÜBER DEN SAMMLER

Gedanken sind der Anfang. Was daraus wird, ist die spannende Frage.

In dieser Wunderkammer sammle ich Beobachtungen, Geschichten und überraschende Verbindungen. Beruflich beschäftige ich mich damit, wie Menschen und Organisationen aus Komplexität Orientierung gewinnen – und ins Handeln kommen.

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