, , ,

Der unsichtbare Zwölfte

Über ein berühmtes Foto, einen unbekannten Fotografen und die Frage, was menschliche Leistung im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ausmacht.

Mein heutiges Fundstück ist gar nicht so groß, ungefähr so schwer wie eine Packung Butter, und würde auch einen guten Briefbeschwerer abgeben. Es handelt sich um einen Stahlniet, so wie sie in den 1930er Jahren beim Bau der Wolkenkratzer in Amerika verwendet wurde.
Bei diesem Niet muss ich nämlich unweigerlich an ein ganz bestimmtes Foto denken – und heute schauen wir einmal auf die Geschichte hinter diesem Bild – oder besser davor….?

Elf Männer über Manhattan

Elf Männer sitzen auf einem Stahlträger, rund 250 Meter über den Straßen von Manhattan. Einer raucht, ein anderer hält eine Flasche in der Hand, wieder andere unterhalten sich oder packen ihr Mittagessen aus. Ihre Beine baumeln über der Tiefe, als säßen sie auf einer Parkbank. Unter ihnen breitet sich New York aus, jene Stadt, die sich gerade anschickt, den Himmel zu erobern.

Lunch atop a Skyscraper, 20. September 1932, Rockefeller Center, New York. Fotograf nicht eindeutig identifiziert. Quelle: Wikimedia Commons / Internet Archive, ursprünglich veröffentlicht in der New York Herald Tribune.

Es gibt wohl nur wenige Fotografien, die sich so tief in unser kollektives Bildgedächtnis eingegraben haben wie Lunch atop a Skyscraper. Entstanden am 20. September 1932 beim Bau des Rockefeller Center, zeigt sie eine Gruppe von Stahlarbeitern in einer Situation, die uns noch heute den Atem stocken lässt. Die Männer selbst scheinen davon wenig beeindruckt. Ihre Gelassenheit gehört ebenso zur Faszination des Bildes wie die schwindelerregende Höhe, in der sie sich befinden.

Das Foto ist längst zu einer Ikone geworden. Es hängt als Poster in Wohnzimmern, schmückt Kalender und T-Shirts, taucht in Werbekampagnen auf und wird immer wieder neu interpretiert. Wir kennen diese elf Männer, obwohl wir die meisten ihrer Namen nicht kennen. Wir haben das Bild so oft gesehen, dass wir beinahe vergessen haben, wie ungewöhnlich die Umstände seiner Entstehung waren.

Denn bei aller Aufmerksamkeit für die Männer auf dem Stahlträger übersehen wir regelmäßig einen weiteren Menschen, ohne den es dieses Bild überhaupt nicht gäbe: den Fotografen.

Der Mann, den niemand sieht

Es gibt eine andere Aufnahme aus jener Zeit, die weit weniger bekannt ist und vielleicht gerade deshalb einen zweiten Blick verdient. Sie zeigt einen Mann mit einer Kamera auf einem Stahlträger hoch über New York. Hinter ihm erhebt sich das Empire State Building, während er selbst offenbar ganz auf seine Arbeit konzentriert ist. Der Mann heißt Charles Clyde Ebbets, ein amerikanischer Fotograf, der 1932 zu denjenigen gehörte, die den Bau des Rockefeller Center dokumentierten.

Charles C. Ebbets bei der Arbeit am Rockefeller Center, New York, 1932. Quelle: Ebbets Photo-Graphics, LLC, „Signature Series 3 – The Photographer“. © Ebbets Photo-Graphics, LLC.

Lange Zeit wurde Ebbets auch die berühmte Mittagspausenaufnahme zugeschrieben. Inzwischen wissen wir, dass mindestens zwei weitere Fotografen an jenem Tag dort oben arbeiteten: William Leftwich und Thomas Kelley. Wer von ihnen tatsächlich den Auslöser betätigte, als die elf Arbeiter auf dem Stahlträger saßen, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen.

Das ist eine bemerkenswerte Pointe der Mediengeschichte. Eines der berühmtesten Fotos der Welt hat einen nicht eindeutig identifizierten Urheber, obwohl wir ziemlich genau wissen, wann und wo es entstanden ist.

Dabei waren die Männer auf dem Stahlträger keineswegs zufällig entdeckt worden. Die Aufnahme gehörte zu einer gezielten Öffentlichkeitskampagne für das Rockefeller Center. Es existieren weitere Bilder derselben Fotositzung, auf denen die Arbeiter beispielsweise auf dem Träger liegen und so tun, als schliefen sie. Die berühmte Mittagspause war also inszeniert, lange bevor irgendjemand von Instagram, Influencern oder künstlicher Intelligenz sprach.

Auch die Gefahr lässt sich aus dem Foto allein nicht vollständig beurteilen. Ob sich unmittelbar unterhalb des Trägers bereits eine fertiggestellte Etage oder eine andere Konstruktion befand, ist nicht abschließend geklärt. Die Arbeit in großer Höhe war dennoch mit erheblichen Risiken verbunden, und zeitgenössische Aufnahmen der Fotografen zeigen, wie ungewöhnlich ihre Arbeitsplätze waren.

Resting on a Girder, New York, 1932. Inszenierte Ruhepause auf einem Stahlträger beim Bau des Rockefeller Center. Fotograf unbekannt. Quelle: New York – History – Geschichte (2009).

Das eigentlich Faszinierende ist deshalb nicht, dass hier möglicherweise jemand für ein Foto sein Leben riskierte. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir die außergewöhnliche Perspektive genießen, ohne nach dem Menschen zu fragen, der sie uns ermöglicht hat. Wir bewundern das Ergebnis und vergessen die Leistung, die dahintersteht.

Wenn das Werk berühmter wird als sein Schöpfer

Ruhm folgt offenbar eigenen Gesetzen, und mit Gerechtigkeit haben diese nicht immer viel zu tun. Manche Menschen werden berühmt, weil sie etwas Bedeutendes geschaffen haben, andere allein deshalb, weil sie sichtbar sind. Umgekehrt gibt es Werke, die ihren Schöpfer um Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauern, während dessen Name allmählich aus dem Gedächtnis verschwindet.

Bei Fotografien lässt sich dieses Phänomen besonders gut beobachten. Wir kennen das Mädchen, das vor einem Napalmangriff flieht, den Mann vor den Panzern auf dem Tian’anmen-Platz oder den Kuss auf dem Times Square. Die Bilder haben sich verselbstständigt und sind zu Symbolen geworden, deren Bedeutung weit über den ursprünglichen Augenblick hinausreicht. Die Namen der Menschen hinter den Kameras sind dagegen meist nur Fachleuten geläufig.

Vielleicht liegt das an einer besonderen Eigenschaft der Fotografie. Während uns ein Gemälde die Handschrift seines Schöpfers geradezu aufdrängt, scheint die Fotografie zunächst nur ein Fenster zur Wirklichkeit zu öffnen. Wir betrachten das Geschehen, nicht seine Vermittlung, und übersehen dabei, dass auch ein Foto das Ergebnis zahlreicher Entscheidungen ist. Jemand hat einen Standort gewählt, einen Ausschnitt festgelegt, das Licht beurteilt und einen bestimmten Moment gegenüber unzähligen anderen bevorzugt.

Der Fotograf ist also keineswegs ein bloßer Zeuge, der zufällig zur richtigen Zeit auf einen Knopf drückt. Er ist derjenige, der aus der ununterbrochenen Bewegung der Wirklichkeit einen Augenblick herauslöst und ihm dadurch eine Bedeutung verleiht, die er vorher vielleicht noch gar nicht besaß.

Das gilt sogar dann, wenn die Szene, wie im Fall der elf Bauarbeiter, eigens für die Kamera arrangiert wurde. Auch eine Inszenierung verlangt eine Vorstellung davon, was gezeigt werden soll, und die Fähigkeit, diese Vorstellung in ein überzeugendes Bild zu übersetzen.

Heute verwechseln wir diese Form von Leistung allerdings zunehmend mit ihrer öffentlichen Wahrnehmung. In einer Medienwelt, in der Aufmerksamkeit messbar geworden ist, erscheint uns Bedeutung häufig als eine Frage von Reichweite, Klickzahlen oder Followern. Wer gesehen wird, scheint etwas geleistet zu haben, während derjenige, dessen Arbeit im Hintergrund bleibt, leicht aus unserem Bewusstsein verschwindet.

Dabei besteht zwischen Sichtbarkeit und Bedeutung kein notwendiger Zusammenhang. Ein Mensch kann außerordentlich sichtbar sein, ohne etwas von Dauer zu hinterlassen. Und ein anderer kann etwas schaffen, das Generationen bewegt, ohne selbst jemals berühmt zu werden.

Kairos – die Kunst, den Augenblick zu erkennen

Die alten Griechen kannten eine Vorstellung, die uns helfen kann, die besondere Leistung des Fotografen besser zu verstehen. Neben Chronos, der messbaren, fortlaufenden Zeit, gab es Kairos, den günstigen, den entscheidenden oder schlicht den richtigen Augenblick.

Während Chronos vergeht, eröffnet Kairos eine Möglichkeit. Er bezeichnet jenen Moment, in dem etwas geschehen kann, das wenige Sekunden zuvor noch nicht möglich war und kurz darauf vielleicht schon wieder unmöglich sein wird.

Kairos – der günstige Augenblick. Antikes Relief im Kloster St. Nikolaus in Trogir (Kroatien). Die geflügelte Gestalt mit der Haarlocke an der Stirn symbolisiert die Gelegenheit, die ergriffen werden muss, bevor sie vorübergeht. Foto: TimeTravelRome / Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

Der Bildhauer Lysippos soll Kairos im 4. Jahrhundert vor Christus als jugendliche Gestalt dargestellt haben, mit Flügeln an den Füßen und einer auffälligen Haarlocke über der Stirn. Der Hinterkopf dagegen war kahl. Die Symbolik ist ebenso einfach wie einprägsam: Eine Gelegenheit lässt sich beim Schopf packen, solange sie auf uns zukommt. Ist sie vorüber, können wir ihr noch so entschlossen hinterherlaufen, wir werden sie nicht mehr zu fassen bekommen.

Kairos ist allerdings mehr als ein glücklicher Zufall. Der günstige Augenblick nützt wenig, wenn niemand seine Bedeutung erkennt oder bereit ist, ihn zu nutzen. Er verlangt Aufmerksamkeit, Erfahrung und Urteilskraft, gelegentlich auch den Mut, im richtigen Moment zu handeln.

In der Fotografie findet sich ein verwandter Gedanke bei Henri Cartier-Bresson, dessen 1952 veröffentlichtes Buch Images à la sauvette in seiner amerikanischen Ausgabe den Titel The Decisive Moment erhielt. Der entscheidende Augenblick bezeichnet in seinem fotografischen Denken jenen flüchtigen Moment, in dem sich Bewegung, Form und Bedeutung zu einer stimmigen Komposition verbinden.

Kairos und Cartier-Bressons fotografisches Konzept sind nicht identisch, doch beide verweisen auf eine Fähigkeit, die sich weder auf technische Fertigkeit noch auf bloßen Zufall reduzieren lässt: das Vermögen, im unaufhörlichen Strom des Geschehens zu erkennen, wann etwas wesentlich wird.

Damit verändert sich auch unser Blick auf den unbekannten Fotografen von 1932. Seine Leistung bestand nicht allein darin, eine Kamera in großer Höhe bedienen zu können. Er musste eine Vorstellung davon besitzen, welches Bild entstehen sollte, welche Perspektive dafür geeignet war und wann der Moment gekommen war, den Auslöser zu betätigen.

Die Gelegenheit allein hätte nicht genügt. Erst die Verbindung aus Können, Wahrnehmung und Entscheidung machte aus einer arrangierten Mittagspause ein Bild, das beinahe ein Jahrhundert überdauern sollte. Vielleicht ist das eine der schönsten Eigenschaften menschlicher Leistung: Sie besteht nicht nur darin, etwas tun zu können, sondern auch darin, zu wissen, wann und warum man es tun sollte.

Ein Augenblick, den es nie gegeben hat

Knapp hundert Jahre später hat sich die Situation grundlegend verändert. Wer heute ein Bild von elf Bauarbeitern auf einem Stahlträger hoch über Manhattan benötigt, muss weder nach New York reisen noch eine Kamera bedienen oder sich in schwindelerregende Höhen begeben. Eine generative KI kann innerhalb weniger Sekunden eine Szene erzeugen, die dem historischen Vorbild verblüffend ähnlich sieht.

Wir könnten die Perspektive dramatischer gestalten, die Männer auf einem noch schmaleren Träger platzieren oder den Himmel mit bedrohlichen Wolken füllen. Wir könnten einen Fotografen hinzufügen, der scheinbar kopfüber an einem Kran hängt, während er die Szene aufnimmt. Das Ergebnis wäre womöglich spektakulärer als die historische Aufnahme, obwohl kein Mensch dafür einen einzigen Schritt in die Höhe gemacht hätte.

KI-generiert

Damit gerät eine Gewissheit ins Wanken, die unser Verständnis von Fotografie über lange Zeit geprägt hat. Die klassische Fotografie besaß trotz aller Möglichkeiten der Inszenierung und Manipulation eine besondere Beziehung zur Wirklichkeit. Vor der Kamera musste etwas existiert haben, dessen Licht auf einen Film oder einen Sensor fiel. Die Fotografie war deshalb nicht automatisch wahr, aber sie hatte einen realen Ausgangspunkt.

Bei einem vollständig KI-generierten Bild ist dieser Zusammenhang nicht mehr erforderlich. Die dargestellte Szene muss niemals stattgefunden haben, um fotografisch überzeugend zu wirken.

Das macht solche Bilder weder grundsätzlich schlechter noch künstlerisch wertlos. Schließlich verlangen auch erfundene Welten Vorstellungskraft, ästhetisches Gespür und die Fähigkeit, Möglichkeiten auszuwählen und zu gestalten. Niemand würde einem Maler vorwerfen, dass die von ihm dargestellte Landschaft nicht existiert oder dass ein Roman Ereignisse schildert, die niemals stattgefunden haben.

Neu ist vielmehr, dass wir den Unterschied zwischen einer dokumentierten und einer erfundenen Wirklichkeit dem Bild selbst immer weniger ansehen können. Das historische Foto erzählt uns, dass jemand an einem bestimmten Ort gewesen ist und einen bestimmten Augenblick festgehalten hat. Das künstlich erzeugte Bild belegt zunächst nur, dass jemand eine Vorstellung in eine visuelle Form übersetzen konnte.

Beides kann bemerkenswert sein, doch es ist nicht dasselbe.

Vom Können zum Entscheiden

Gerade deshalb wäre es zu einfach, künstliche Intelligenz als das Ende menschlicher Kreativität zu betrachten. Vielmehr verändert sie grundlegend, wie kreative Leistungen entstehen und welche Fähigkeiten dafür benötigt werden.

Wo früher die technische Herstellung eines Bildes erhebliche Kenntnisse, Ausrüstung und gelegentlich körperlichen Einsatz verlangte, können heute viele dieser Schritte automatisiert werden. Die Möglichkeiten wachsen, während die Hürden sinken. Das ist zunächst einmal ein gewaltiger Fortschritt, weil Menschen ihre Vorstellungen sichtbar machen können, denen die entsprechenden handwerklichen Mittel bislang fehlten.

Doch mit der wachsenden Zahl möglicher Ergebnisse gewinnt eine andere Fähigkeit an Bedeutung: die Urteilskraft. Wer aus nahezu unbegrenzten Möglichkeiten wählen kann, muss entscheiden, welche davon überhaupt etwas wert sind. Die Frage lautet dann nicht mehr ausschließlich, ob sich ein bestimmtes Bild herstellen lässt, sondern weshalb gerade dieses Bild entstehen sollte und was es zu erzählen hat.

Dass eine Leistung nicht immer dort zu finden ist, wo sie am deutlichsten sichtbar wird, lässt sich auch auf die Führung von Menschen übertragen. Gute Führung besteht schließlich nicht darin, möglichst häufig selbst im Mittelpunkt zu stehen oder für jede Aufgabe die passende Lösung parat zu haben. Sie zeigt sich vielmehr in der Fähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen, Potenziale zu erkennen und Bedingungen zu schaffen, unter denen andere ihre Fähigkeiten entfalten können. Was eine Führungskraft bewirkt, lässt sich deshalb nicht allein daran ablesen, was sie selbst hervorbringt, sondern häufig gerade daran, was durch sie möglich wird.

Auch hier spielt der richtige Augenblick eine entscheidende Rolle. Wann braucht ein Team Orientierung, wann eine klare Entscheidung und wann vor allem den Freiraum, selbst eine Lösung zu finden? Wer führt, muss nicht nur wissen, was getan werden könnte, sondern auch, wann ein Eingreifen sinnvoll ist und wann Zurückhaltung die bessere Entscheidung wäre. Je mehr technische Systeme uns dabei unterstützen, Informationen auszuwerten und Handlungsoptionen zu entwickeln, desto wichtiger wird diese Form der Urteilskraft. Denn die Verantwortung dafür, welche Möglichkeit wir ergreifen und welche Folgen wir damit in Kauf nehmen, lässt sich nicht einfach an eine Maschine delegieren.

Und damit sind wir wieder bei Kairos, dem richtigen Augenblick, dessen Bedeutung auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz keineswegs geringer geworden ist. Der Fotograf von 1932 musste in der Wirklichkeit den passenden Moment finden oder herbeiführen. Wer heute mit generativer KI arbeitet, kann sich unzählige Varianten erzeugen lassen und muss anschließend erkennen, welche davon etwas zu erzählen hat.

Das gilt weit über die Fotografie hinaus. Auch beim Schreiben, Forschen, Gestalten oder Kommunizieren können uns intelligente Systeme Vorschläge machen, Zusammenhänge herstellen und Ergebnisse produzieren, für die wir früher erheblich mehr Zeit benötigt hätten. Was sie uns damit jedoch nicht automatisch liefern, ist ein Maßstab dafür, was in einer konkreten Situation wirklich zählt. Eine KI kann Kriterien berücksichtigen und Entscheidungen vorbereiten, doch welche Ziele wir verfolgen, welche Folgen wir verantworten wollen und was wir für bedeutsam halten, bleibt eine Frage menschlicher Wertsetzungen und Verantwortung.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung des KI-Zeitalters deshalb weniger darin, immer mehr zu können, als darin, genauer zu wissen, worauf es ankommt.

Die Berühmtheit des Beliebigen

In einer Welt, in der Bilder, Texte und Ideen nahezu unbegrenzt produziert und verbreitet werden können, wächst nicht nur die Menge des Sichtbaren. Auch der Wettbewerb um Aufmerksamkeit verändert sich. Was gestern noch außergewöhnlich erschien, kann morgen bereits alltäglich sein, weil sich seine äußere Wirkung mühelos reproduzieren lässt.

Das Spektakuläre verliert dadurch nicht zwangsläufig seinen ästhetischen Reiz, wohl aber einen Teil seiner bisherigen Aussagekraft. Ein Bild, das uns einen Menschen in einer gefährlichen Situation zeigt, lässt nicht mehr ohne Weiteres darauf schließen, dass jemand diese Situation tatsächlich erlebt hat. Eine perfekte Aufnahme ist kein Beweis mehr für eine außergewöhnliche fotografische Leistung, und ein beeindruckendes Ergebnis verrät immer weniger darüber, welcher Aufwand hinter seiner Entstehung steht.

Der unsichtbare Zwölfte

Schauen wir also noch einmal auf das berühmte Bild. Elf Männer sitzen auf einem Stahlträger über Manhattan, während unter ihnen eine Stadt wächst, die zum Sinnbild des amerikanischen Fortschritts werden sollte. Sie rauchen, essen und unterhalten sich, scheinbar ungerührt von der Höhe. Seit beinahe hundert Jahren betrachten wir diese Szene mit einer Mischung aus Bewunderung, Unglauben und Staunen.

Doch diesmal richten wir unseren Blick nicht nur auf die Männer, sondern auch auf den Menschen, der ihnen gegenüberstand. Wir wissen nicht mit letzter Sicherheit, wie er hieß. Wir können seine Gedanken nicht rekonstruieren und kennen nicht jede Einzelheit der Entstehung. Aber wir wissen, dass er dort war, dass er eine Entscheidung traf und dass aus dieser Entscheidung ein Bild wurde, das bis heute Menschen bewegt.

Sein Name mag in Vergessenheit geraten sein, seine Leistung ist geblieben. Vielleicht liegt darin eine Form von Ruhm, die wir in unserer auf Sichtbarkeit fixierten Gegenwart leicht übersehen: nicht der Ruhm des Menschen, der möglichst oft gesehen wird, sondern die Bedeutung dessen, was er hinterlässt.

Und vielleicht ist auch das eine Lehre des Kairos. Entscheidend ist nicht, wie viele Augenblicke wir erzeugen, wie viele Möglichkeiten wir besitzen oder wie viel Aufmerksamkeit wir damit gewinnen, sondern ob wir erkennen, wann ein Augenblick wirklich zählt.


Der Gedanke zum Mitnehmen

Wir bewundern häufig das Ergebnis und übersehen die Menschen, deren Können, Urteilskraft und manchmal auch Mut es möglich gemacht haben. Doch Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Bedeutung, und die Perfektion eines Bildes sagt noch wenig über die Leistung aus, die dahintersteht. Vielleicht sollten wir deshalb gerade im Zeitalter künstlicher Intelligenz wieder häufiger fragen, nicht nur was wir sehen, sondern wer etwas dafür getan hat, dass wir es sehen können.

Der unbekannte Fotograf von 1932 hat einen solchen Augenblick festgehalten. Die Welt hat sein Bild berühmt gemacht und ihn selbst weitgehend vergessen. Im Zeitalter künstlicher Intelligenz könnte uns gerade seine Geschichte daran erinnern, dass zwischen einem eindrucksvollen Ergebnis und einer bemerkenswerten Leistung ein Unterschied bestehDenn vielleicht wird in einer Welt, in der jedes Bild möglich ist, ausgerechnet das wieder kostbar, was sich nicht generieren lässt: die Gewissheit, dass jemand dort gewesen isDer Gedanke zum Mitnehme

Quellen & zum Weiterlesen

Zur Fotografie und ihrer Entstehung

Zu Kairos und dem entscheidenden Augenblick

  • Poseidippos: Epigramm auf den Kairos des Lysippos, überliefert in der Anthologia Graeca 16,275. Eine der wichtigsten antiken Quellen zur Darstellung des Kairos mit geflügelten Füßen, Stirnlocke und kahlem Hinterkopf. Nachzulesen bei Andrew Stewart, One Hundred Greek Sculptors, Perseus Digital Library. Zum Text
  • Henri Cartier-Bresson: Images à la sauvette / The Decisive Moment (1952). Ein Schlüsselwerk der Fotografiegeschichte. Die Fondation Henri Cartier-Bresson erläutert die Entstehung des Buches und die Bedeutung des entscheidenden Augenblicks. Zur Fondation

Zum Weiterdenken

  1. Susan Sontag: Über Fotografie (1977). Ein grundlegender Essayband über die Macht fotografischer Bilder, ihren Wirklichkeitsanspruch und unsere Beziehung zu ihnen.
  2. Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie (1980). Eine philosophische Auseinandersetzung mit dem besonderen Verhältnis zwischen Fotografie, Zeit, Erinnerung und dem, was tatsächlich gewesen ist.
  3. Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935/36). Ein bis heute anregender Ausgangspunkt für die Frage, wie technische Reproduzierbarkeit das Verhältnis zwischen Original, Werk, Wahrnehmung und gesellschaftlicher Bedeutung verändert.

ÜBER DEN SAMMLER

Gedanken sind der Anfang. Was daraus wird, ist die spannende Frage.

In dieser Wunderkammer sammle ich Beobachtungen, Geschichten und überraschende Verbindungen. Beruflich beschäftige ich mich damit, wie Menschen und Organisationen aus Komplexität Orientierung gewinnen – und ins Handeln kommen.

Mehr über meine Arbeit erfahren

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von aus des Bartelts Wunderkammer

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen