
SAMMLUNG № 001
Vor Kurzem habe ich einen Satz gehört, der mir in meinem Kopf hängengeblieben ist:
„Misserfolg ist Erfolg, dem die Zeit gefehlt hat.“
Interessant ist, was passiert, wenn man den Satz ein wenig hin und her dreht. Denn auf den ersten Blick klingt er wie einer dieser Motivationssprüche, die einem sagen wollen: Gib niemals auf, glaube an dich, irgendwann wird alles gut.
So verstanden wäre er mir zu banal.
Aber vielleicht sagt er etwas ganz anderes.
Vielleicht hat einfach die Zeit gefehlt
Wir sind ziemlich schnell darin, etwas als Erfolg oder Misserfolg zu bezeichnen. Ein neues Produkt verkauft sich nicht. Ein berufliches Projekt bringt nicht die erhofften Ergebnisse. Eine Veränderung funktioniert nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Irgendwann ziehen wir Bilanz und sagen: Das war wohl nichts.
Aber wann ist eigentlich „irgendwann“?
Nach drei Monaten? Nach einem Jahr? Nach fünf Jahren?
Vielleicht war die Idee gar nicht falsch. Vielleicht hätte sie nur einfach noch ein wenig länger gebraucht.
Was zunächst nur nach einem kleinen, marginalen Unterschied klingt, verändert aber die Perspektive vollkommen. Denn dann wäre das Scheitern keine Eigenschaft des Projekts, es wäre das Ergebnis des Zeitraums, den wir ihm zugestanden haben.
Ein Unternehmen stellt ein neues Produkt nach einem Jahr wieder ein, weil es sich nicht durchsetzt. Zwei Jahre später bringt ein Konkurrent etwas fast Identisches auf den Markt und hat damit großen Erfolg. War das erste Produkt also schlecht? Oder hat ihm schlicht die Zeit gefehlt?
Ich sehe bei meiner Arbeitsehr häufig, dass Veränderungen in Organisationen oft genau unter diesem Problem leiden: Neue Strukturen sollen eingeführt werden, Menschen sollen anders zusammenarbeiten, eine Unternehmenskultur soll sich verändern. Nach einem halben Jahr schaut man auf die Kennzahlen und stellt enttäuscht fest, dass noch nicht viel passiert ist.
Vielleicht konnte aber auch noch gar nicht viel passiert sein.
Wir verwechseln erstaunlich oft „noch nicht erfolgreich“ mit „gescheitert“.
Oder die Zeit war noch nicht reif
Damit kommt eine zweite Bedeutung von „Zeit“ ins Spiel. Denn manchmal braucht eine Idee nicht einfach nur mehr Zeit. Manchmal kommt sie zur falschen Zeit.
Die Geschichte der Technik ist voll von solchen Beispielen.
1993 brachte Apple das Newton MessagePad heraus. Die Grundidee wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich vertraut: ein kleiner mobiler Computer für unterwegs, auf dem man Termine und Kontakte verwalten, Notizen machen und mit einem Stift direkt auf dem Bildschirm schreiben konnte. Apple-Chef John Sculley prägte dafür sogar den Begriff „Personal Digital Assistant“.

Nur war die Technik noch nicht so weit. Der Newton war teuer und vergleichsweise klobig, vor allem aber funktionierte die viel beworbene Handschrifterkennung anfangs so schlecht, dass sie zum Gegenstand von Witzen wurde. Die Produktlinie wurde schließlich eingestellt. Das Computer History Museum bezeichnet die damalige Generation von Stiftcomputern rückblickend als Geräte, deren Konzept überzeugte, die aber zu groß, zu teuer und zu langsam waren.
Die Idee verschwand nicht. Die Technik musste sie erst einholen. Mobile Computer, Touchscreens, persönliche digitale Assistenten und schließlich Smartphone und Tablet machten später vieles selbstverständlich, was der Newton bereits vorweggenommen hatte. Selbst die ARM-Prozessortechnik, die Apple für den Newton mitentwickelte, findet sich in der Entwicklungslinie zum iPhone wieder.
Viele Produkte verschwanden wieder vom Markt, obwohl ihre Grundidee später selbstverständlich wurde. Nicht unbedingt, weil die Erfinder schlecht gearbeitet hatten, sondern weil die notwendigen Voraussetzungen noch fehlten. Die Technik war zu teuer, die Infrastruktur nicht vorhanden oder die Menschen konnten mit der Idee schlicht noch nichts anfangen.
In solchen Fällen ist ein Misserfolg vielleicht ein Erfolg zum falschen Zeitpunkt.
Das gilt nicht nur für Technik. Auch gesellschaftliche Ideen können ihrer Zeit voraus sein. Künstler werden ignoriert und Jahrzehnte später gefeiert. Bücher verschwinden nach ihrem Erscheinen nahezu spurlos und werden von einer späteren Generation wiederentdeckt. Gedanken, die zu einem bestimmten Zeitpunkt niemand hören möchte, können Jahre später plötzlich erstaunlich zeitgemäß wirken.
Dann hat nicht dem Projekt die Zeit gefehlt. Der Welt hat die Zeit gefehlt, um für das Projekt bereit zu sein.
Und manchmal fehlt uns selbst die Zeit
An diesem Punkt bekommt der Satz für mich eine leise melancholischere Bedeutung.

Vincent van Gogh verkaufte zu Lebzeiten kaum Bilder. Heute gehören seine Werke zu den bekanntesten und teuersten der Kunstgeschichte. Natürlich ist es nun zu einfach, daraus die romantische Geschichte vom unverstandenen Genie zu machen. Aber an seinem Beispiel wird etwas anderes sichtbar: Ein Mensch kann etwas schaffen, dessen Erfolg er selbst nicht mehr erlebt.
Auch Wissenschaftler, Schriftsteller oder Denker haben Arbeiten hinterlassen, deren Bedeutung erst sehr viel später erkannt wurde. Ihr Werk hatte gewissermaßen genügend Zeit. Sie selbst hatten sie nicht.
„Misserfolg ist Erfolg, dem die Zeit gefehlt hat“ kann deshalb auch heißen: Unsere Lebenszeit und die Wirkungszeit dessen, was wir tun, sind nicht dasselbe.
Das ist ein durchaus unbequemer Gedanke. Denn gerade heutzutage möchten wir die Wirkung unseres Handelns natürlich gern selbst erleben. Am besten gleich und sofort: Wir wollen wissen, ob es sich gelohnt hat. Wir wollen irgendwann einen Haken hinter die Sache setzen und sagen können: erfolgreich.
Vielleicht funktioniert das aber nicht immer.
Vielleicht erzählen wir die Geschichte nur zu früh zu Ende
Noch interessanter wird der Satz für mich, wenn man ihn gar nicht als Aussage über Erfolg versteht, sondern als Aussage über unser Urteilen.
Denn wann genau ist ein Ereignis eigentlich abgeschlossen?
Nehmen wir jemanden, der mit einer Geschäftsidee scheitert. Er verliert Geld, muss das Unternehmen schließen und fängt anschließend etwas Neues an. Zehn Jahre später sagt er vielleicht: Ohne dieses Scheitern hätte ich nie verstanden, worin ich wirklich gut bin.
War das erste Unternehmen nun ein Misserfolg?
Natürlich war es das. Das Unternehmen ist schließlich gescheitert. Aber gleichzeitig ist es Teil einer Geschichte geworden, die der Betroffene rückblickend möglicherweise als erfolgreich bezeichnet.
Das Ereignis selbst hat sich nicht verändert. Verändert hat sich der Zeitpunkt, von dem aus wir darauf schauen.
Und damit wird die Sache philosophisch interessant. Denn Erfolg und Misserfolg sind offenbar nicht einfach Eigenschaften eines Ereignisses wie groß, klein, schwer oder leicht. Sie sind Bewertungen. Und Bewertungen hängen davon ab, wann wir sie vornehmen.
Was heute wie ein Umweg aussieht, kann sich später als notwendiger Weg erweisen. Eine Entscheidung, die uns zunächst falsch erscheint, kann Folgen haben, die wir zum Zeitpunkt der Entscheidung überhaupt nicht sehen konnten.
Wir setzen einen Punkt hinter eine Geschichte, obwohl wir gar nicht wissen können, ob der nächste Satz nicht alles verändert hätte.
Aber Vorsicht vor der schönen Geschichte
So verführerisch dieser Gedanke ist, er hat auch eine gefährliche Seite.
Denn natürlich wird nicht aus jedem Misserfolg irgendwann ein Erfolg. Manche Ideen sind schlicht schlecht. Manche Projekte funktionieren nicht. Und manchmal ist es klüger aufzuhören, statt immer mehr Zeit, Energie und Geld in etwas zu investieren, nur weil man schon so viel hineingesteckt hat, das berühmte „totgerittene Pferd“.
Die Verhaltensökonomie kennt dafür den Begriff Sunk Cost Fallacy, den „Fehlschluss der versunkenen Kosten“. Wir halten an etwas fest, weil wir bereits viel investiert haben, obwohl diese Investitionen für die Entscheidung, wie es weitergehen soll, eigentlich keine Rolle mehr spielen dürften.
„Es braucht eben noch Zeit“ kann deshalb auch eine wunderbare Ausrede sein.
Gerade darin liegt für mich die Spannung des Satzes. Er sagt nicht, dass wir niemals aufgeben sollen. Und er verspricht schon gar nicht, dass jedes Scheitern irgendwann belohnt wird.
Er stellt vielmehr unser Urteil infrage.
Vielleicht sollten wir uns nach einem Misserfolg deshalb nicht nur fragen: Warum hat es nicht funktioniert?
Sondern auch: Woher weiß ich eigentlich schon, dass es gescheitert ist?
Vielleicht bräuchte es tatsächlich mehr Zeit. Vielleicht kam die Idee zur falschen Zeit. Vielleicht erkennen wir erst später, welche Rolle dieses vermeintliche Scheitern in einer viel größeren Geschichte gespielt hat.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Zumutung dieses kleinen Satzes: dass wir über Erfolg und Misserfolg immer nur vorläufig urteilen können.
Denn solange eine Geschichte weitergeht, wissen wir nicht mit letzter Sicherheit, was eine einzelne Episode einmal bedeutet haben wird.
Mancher Misserfolg ist vielleicht tatsächlich nur ein Erfolg, dessen Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.
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