Von Wüstenvätern, Wüstenmüttern und der gefährlichen Trägheit der Seele

Vor rund 1.700 Jahren zogen Männer und Frauen in die ägyptische Wüste, um Gott zu suchen. Was sie dort fanden, war nicht unbedingt Frieden, sondern die Begegnung mit sich selbst – und mit einem merkwürdigen Dämon, der ausgerechnet zur Mittagszeit sein Unwesen trieb. Zusammen mit der Theologin und Seelsorgerin Elaine Rudolphi erzählen wir in der aktuellen Episode unseres Podcasts „TheoQuest – auf der Suche nach dem Glauben“ eine Geschichte über die Sehnsucht nach dem Wesentlichen, die Zumutungen der Stille und ein erstaunlich modernes Leiden namens Acedia.
Als die Christen in die Wüste gingen
Es muss eine sehr eigentümliche Zeit gewesen sein: Das Christentum hatte über Generationen hinweg Verfolgungen erlebt, zugleich aber auch Gemeinden, eigene Strukturen und vielfältige Formen religiösen Lebens hervorgebracht. Als es im 4. Jahrhundert zunehmend gesellschaftliche Anerkennung fand, stellte sich eine Frage mit neuer Dringlichkeit: Was bleibt von einer Überzeugung, wenn sie nicht mehr gegen Widerstände behauptet werden muss?
Schon zuvor hatten einzelne Christen begonnen, sich aus ihren bisherigen Lebenszusammenhängen zurückzuziehen. Was zunächst als radikale Form der Nachfolge Jesu entstanden war, gewann nun zusätzliche Bedeutung: als Gegenentwurf zu einem Glauben, der sich immer selbstverständlicher in die gesellschaftliche Ordnung einfügte. Denn einigen Christen erschien diese Entwicklung als wenig erfreulich. Sie empfanden den Glauben ihrer Zeit als zunehmend angepasst und vermissten jene Unbedingtheit, mit der die ersten Christen ihrer Überzeugung gefolgt waren. Elaine beschreibt sie in unserer 30. Folge von TheoQuest als Menschen, denen das Christentum „zu brav und zu bürgerlich“ geworden war.
Und so geschah etwas Merkwürdiges: Statt gegen die Verhältnisse zu predigen oder innerhalb der Gemeinden Reformen einzufordern, zogen sie sich zurück. Seit dem 3. Jahrhundert suchten Männer und Frauen in der ägyptischen Wüste nach einer radikaleren Form christlicher Existenz. Sie ließen ihre bisherigen Lebenszusammenhänge hinter sich, verzichteten auf Besitz und gesellschaftliche Anerkennung und entschieden sich für ein Leben in Einsamkeit, Arbeit und Gebet.
Es war keine zufällige Wahl des Ortes. Schon in der Bibel ist die Wüste ein Raum der Prüfung und der Gottesbegegnung. Das Volk Israel wandert vierzig Jahre durch sie, bevor es das verheißene Land erreicht, und Jesus verbringt dort vierzig Tage, in denen er den Versuchungen des Teufels widersteht. Wer ihm konsequent nachfolgen wollte, konnte also durchaus auf den Gedanken kommen, dass auch der eigene Weg durch die Wüste führen müsse.
Was uns heute wie eine besonders extreme Form des Aussteigens erscheinen mag, war für diese frühen Eremiten eine ernsthafte religiöse Entscheidung. Sie wollten der Welt nicht einfach entkommen, sondern sich unter Bedingungen, die kaum Ablenkung erlaubten, der Frage nach Gott und dem eigenen Leben stellen.
Die Wüste ist kein Ort der Erholung
Wer schon einmal versucht hat, zehn Minuten lang vollkommen still zu sitzen, wird möglicherweise eine Ahnung davon bekommen, worauf sich diese Menschen einließen. Kaum verstummen die äußeren Geräusche, beginnt es im Inneren umso lebhafter zu werden. Gedanken tauchen auf, Erinnerungen melden sich, unerledigte Dinge verlangen Aufmerksamkeit, und mitunter erscheinen Fragen, die man im geschäftigen Alltag recht erfolgreich auf Abstand gehalten hatte.
Für die Wüstenväter und Wüstenmütter war genau das ein wesentlicher Teil ihrer religiösen Erfahrung. Die Stille sollte sie nicht von den Schwierigkeiten des Lebens befreien, sondern ihnen eine Begegnung mit jenen Kräften ermöglichen, die sie als Hindernisse auf dem Weg zu Gott verstanden.
„Wüste ist ja biblisch immer der Ort des Kampfes mit den Dämonen“, erklärt Elaine. Aber was unter diesen Dämonen zu verstehen sei, das könne man durchaus unterschiedlich betrachten. Entscheidend sei dabei die Erfahrung von Kräften, die den Menschen von dem entfernen, worauf er sein Leben eigentlich ausrichten möchte.
Wie ernst dieser Kampf genommen wurde, zeigt die Lebensbeschreibung des Antonius, die Athanasius von Alexandrien im 4. Jahrhundert verfasste. Antonius, der später zu den bekanntesten Gestalten des frühen Mönchtums zählen sollte, erscheint darin als ein Mann, dessen Rückzug keineswegs zu ungestörter innerer Harmonie führt. Vielmehr wird die Wüste zum Schauplatz heftiger Anfechtungen, die Athanasius in eindringlichen Bildern dämonischer Angriffe schildert.

Ob man diese Erzählungen als Berichte über übernatürliche Mächte, als religiöse Bildsprache oder als Ausdruck innerer Konflikte liest, verändert wenig an ihrer eigentlichen Zumutung: Wer sich allen äußeren Ablenkungen entzieht, begegnet nicht notwendigerweise einem friedlicheren, sondern zunächst einem ungeschützteren Selbst.
Von einem antiken Wellnessurlaub konnte also keine Rede sein.
Ein Wort für das Leben
Dabei waren die Wüstenbewohner keineswegs ausschließlich jene einsamen Männergestalten, die unsere Vorstellung von den ersten christlichen Eremiten bis heute prägen. Neben den Wüstenvätern gab es auch Wüstenmütter, Frauen, die sich derselben radikalen Lebensform verschrieben hatten. Dass ihre Geschichten weniger bekannt sind, dürfte auch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit und den Bedingungen der schriftlichen Überlieferung zusammenhängen.
Die erfahrenen Männer und Frauen wurden als Abbas und Ammas bezeichnet, als Väter und Mütter. Zu ihnen kamen Menschen, die Orientierung suchten, darunter auch jüngere Einsiedler, die sich auf ihrem eigenen geistlichen Weg begleiten lassen wollten.

Die Begegnungen folgten dabei einer bemerkenswert schlichten Vorstellung von Beratung. Man bat den erfahrenen Menschen nicht um eine umfassende Erklärung der Welt, sondern um ein Wort, das im eigenen Leben weiterhelfen konnte.
„Gib mir ein Wort für mein Leben“, so beschreibt Elaine im Podcast diese alte Tradition.
Aus solchen Begegnungen entstanden Sammlungen von Aussprüchen und Erzählungen, die als Apophthegmata Patrum überliefert wurden. Sie enthalten keine systematisch ausgearbeitete Theologie, sondern häufig knappe, manchmal rätselhafte und gelegentlich überraschend lebenspraktische Antworten auf Fragen des geistlichen Lebens. Auch die Weisheit von Frauen wie Amma Syncletica oder Amma Sarah hat darin ihren Platz gefunden.
Wie ernst die Wüstenmütter ihre geistliche Eigenständigkeit nahmen, zeigt eine Überlieferung über Amma Sarah. Dreizehn Jahre lang, so erzählt man, habe sie mit einem Dämon gerungen, der sie mit sexuellen Versuchungen bedrängte. Als dieser ihr schließlich erschien und eingestand, sie habe ihn besiegt, antwortete Sarah, nicht sie selbst habe ihn überwunden, sondern Christus.
Eine kleine Geschichte, in der sich das Selbstverständnis dieser Frauen spiegelt: Sie waren keine bloßen Begleiterinnen einer männlichen Bewegung, sondern eigenständige Suchende, die sich denselben Anfechtungen stellten und aus ihren Erfahrungen eine bemerkenswerte Autorität gewannen.
Es ist ein schöner Widerspruch, dass ausgerechnet Menschen, die sich von der Gesellschaft zurückgezogen hatten, zu gesuchten Ratgeberinnen und Ratgebern wurden. Offenbar vermuteten ihre Besucher, dass die Einsamkeit ihnen Einsichten ermöglicht hatte, die im gewöhnlichen gesellschaftlichen Leben nur schwer zu gewinnen waren.
Ihre besondere Autorität dürfte auch darin gelegen haben, dass sie nicht vorgaben, das Leben anderer Menschen besser zu kennen als diese selbst. Sie hatten sich vielmehr über Jahre hinweg mit den Widersprüchen des eigenen Lebens auseinandergesetzt und dabei Erfahrungen gesammelt, die sie weitergeben konnten.
Denn die Wüste war nicht nur ein Ort des Gebets. Sie war auch eine Art Labor der menschlichen Seele.
Der Dämon, der die Zeit anhält
Unter den zahlreichen Versuchungen, die die Wüstenväter und Wüstenmütter beobachteten, gab es eine, die ihnen besonders gefährlich erschien. Ihr Name lautete Acedia, aus dem Griechischen akēdía, ein Begriff, der sich nur unvollkommen übersetzen lässt. Er bezeichnet eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Überdruss, innerer Unruhe und dem Verlust geistlicher Zuversicht.
Man nannte sie auch den Mittagsdämon.

Warum ausgerechnet mittags? Die Antwort führt uns zurück in die ägyptische Wüste, wo die Hitze um die Mitte des Tages jede Tätigkeit erschweren konnte. Die Arbeit ruhte, die Stunden dehnten sich, und in der Einsamkeit der kleinen Zelle begann sich eine eigentümliche Mutlosigkeit auszubreiten.
Evagrius Ponticus, einer der bedeutendsten geistlichen Schriftsteller des frühen Wüstenmönchtums, hat diesen Zustand im 4. Jahrhundert mit verblüffender Anschaulichkeit beschrieben. In seinem Praktikos (Kapitel 12) schildert er einen Mönch, dem die Sonne plötzlich stillzustehen scheint, sodass sich der Tag endlos hinzieht. Immer wieder schaut der Mann aus seiner Zelle, beobachtet den Sonnenstand und hält Ausschau nach anderen Menschen. Sein bisheriger Lebensort wird ihm unerträglich, die eigene Arbeit sinnlos, und anderswo scheint das Leben auf einmal erheblich verheißungsvoller.
Man muss sich diese Szene nur einmal vorstellen: Ein Mann sitzt in einer kleinen Hütte mitten in der Wüste und wartet darauf, dass endlich etwas geschieht. Er schaut hinaus, prüft die Zeit, wird unruhig und findet immer neue Gründe, weshalb er eigentlich ganz woanders sein sollte.
Das kommt einem doch merkwürdig bekannt vor….

Evagrius beschreibt allerdings mehr als Langeweile. Die Acedia lässt den Menschen nicht einfach nach Abwechslung verlangen, sondern stellt seine gesamte bisherige Lebensentscheidung infrage. Was gestern noch richtig und sinnvoll erschien, wirkt heute wie ein Irrtum. Der Mönch zweifelt an seinem Ort, an seiner Berufung und schließlich an der eigenen Fähigkeit, den eingeschlagenen Weg überhaupt weiterzugehen.
Elaine nennt die Acedia im Podcast die tückischste aller Versuchungen, „weil sie so harmlos herkommt“. Anders als die offenkundigen Verlockungen von Gier oder Hochmut bemerke man bei ihr oft zunächst gar nicht, was geschehe. Sie setze an unseren Idealen an und untergrabe allmählich das Vertrauen in uns selbst.
Gerade darin liegt ihre eigentliche Gefährlichkeit. Die Acedia verführt nicht unbedingt dazu, etwas Verbotenes zu tun. Sie lässt vielmehr den Wunsch erlahmen, das Richtige weiterhin tun zu wollen.
Die Müdigkeit am eigenen Leben
Einige Jahrzehnte nach Evagrius beschäftigte sich Johannes Cassian ausführlich mit diesem Phänomen. Im zehnten Buch seiner De institutis coenobiorum beschreibt er die Acedia als einen Zustand, in dem dem Mönch seine Zelle verhasst wird, die Menschen seiner Umgebung ihm gleichgültig oder lästig erscheinen und er sich einredet, an einem anderen Ort könne er ein wesentlich sinnvolleres Leben führen.
Besonders interessant ist, dass Cassian die Acedia nicht nur mit Trägheit, sondern auch mit Rastlosigkeit verbindet. Der Betroffene kann weder bei seiner Arbeit bleiben noch wirklich Ruhe finden. Er möchte fort, obwohl er vielleicht gar nicht weiß, wohin.
Das ist eine erstaunlich genaue Beobachtung eines Zustands, den wir auch heute kennen, obwohl unsere Lebensverhältnisse mit denen ägyptischer Einsiedler wenig gemeinsam haben.
Manchmal ist es ja nicht die Menge unserer Aufgaben, die uns erschöpft, sondern der schleichende Verlust ihrer Bedeutung. Wir können beschäftigt sein und uns dennoch innerlich leer fühlen. Wir können uns nach Ruhe sehnen und sie, sobald sie eintritt, kaum ertragen. Und wir können den Wunsch verspüren, alles hinter uns zu lassen, ohne zu wissen, ob wir eigentlich vor den Umständen oder vor uns selbst davonlaufen möchten.
Die moderne Psychologie verfügt für manche dieser Erfahrungen über Begriffe wie Burn-out, Bore-out oder depressive Verstimmung. Eine Gleichsetzung mit der Acedia wäre allerdings problematisch, denn die frühen Mönche beschrieben einen geistlichen Zustand innerhalb ihrer religiösen Vorstellungswelt, keine psychische Erkrankung im heutigen medizinischen Sinne.
Dennoch ist die Ähnlichkeit mancher Erfahrungen bemerkenswert: Insbesondere dort, wo Menschen das Vertrauen verlieren, dass ihr bisheriges Tun noch eine Bedeutung besitzt, berühren sich die alten Beschreibungen mit sehr gegenwärtigen Fragen.
In gewisser Weise lässt sich die Acedia deshalb als eine Erschöpfung des Sinns verstehen. Nicht unbedingt, weil es keinen Sinn mehr gibt, sondern weil uns der Zugang zu ihm verloren geht.
Und möglicherweise ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Menschen, die fast alles Überflüssige aus ihrem Leben entfernt hatten, dieses Phänomen so genau beobachten konnten.
Von der Einsamkeit zur Institution
Die Geschichte der Wüstenväter und Wüstenmütter blieb freilich nicht auf die Einsamkeit einiger ägyptischer Eremiten beschränkt. Aus den zunächst lockeren Verbindungen entwickelten sich gemeinschaftliche Lebensformen, aus denen schließlich die großen Traditionen des christlichen Mönchtums hervorgingen.
Dabei wiederholte sich über die Jahrhunderte hinweg ein eigentümliches Muster. Gemeinschaften, die ursprünglich aus dem Wunsch nach einer konsequenteren Lebensführung entstanden waren, wurden größer, entwickelten Regeln, erwarben Besitz und wurden zu festen Bestandteilen der kirchlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Irgendwann erschien ihre Lebensweise wiederum anderen Menschen als zu bequem, zu etabliert oder zu weit vom ursprünglichen Ideal entfernt, sodass neue Reformbewegungen entstanden.

Elaine spricht in diesem Zusammenhang von einer „Geschichte kontinuierlicher Häutung“ und tatsächlich lässt sich ein Teil der Ordensgeschichte auf diese Weise verstehen: von den frühen monastischen Gemeinschaften über die benediktinische Tradition und die Reformen von Cluny bis zu Zisterziensern und Trappisten. Immer wieder stand die Frage im Raum, was es eigentlich bedeutet, zum Ursprung zurückzukehren.
Es ist eine Geschichte, die weit über das Christentum hinausweist. Schließlich kennen wir das Phänomen auch aus anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen: Eine Bewegung entsteht aus einer Überzeugung, schafft sich Strukturen, wird erfolgreich und beginnt irgendwann, vor allem ihre eigenen Strukturen zu erhalten. Was ursprünglich Mittel zum Zweck war, droht selbst zum Zweck zu werden.
Die Wüstenväter und Wüstenmütter wollten dieser Entwicklung entkommen. Dass ihre Lebensweise schließlich selbst zur Entstehung dauerhafter Institutionen beitrug, gehört zu den bemerkenswerten Paradoxien ihrer Geschichte.
Vielleicht lässt sich das Verhältnis von Überzeugung und Organisation eben niemals endgültig klären. Vielleicht braucht es tatsächlich von Zeit zu Zeit Menschen, die alles Gewohnte infrage stellen und noch einmal nach dem Anfang fragen.
Die Wüste, die wir mitnehmen können
Was aber bleibt von diesen merkwürdigen Menschen, die vor rund 1.700 Jahren ihre Heimat verließen, um in der ägyptischen Wüste Gott zu suchen?
Ihre Lebensform dürfte für die meisten von uns kaum infrage kommen. Und selbst wer sich für die christliche Tradition interessiert, wird nicht unbedingt das Bedürfnis verspüren, die eigene Existenz in einer einsamen Hütte auf die Probe zu stellen.
Dennoch hat sich etwas von ihrer Erfahrung erhalten. In Klöstern, in der Tradition der Exerzitien, in christlicher Meditation und in der Vorstellung, dass die Begegnung mit Gott auch Räume benötigt, in denen die gewohnten Ablenkungen verstummen.
Elaine beschreibt solche Räume als Zeiten der Stille, die ausdrücklich für Gott reserviert sind. Allerdings warnt sie davor, sie mit gewöhnlicher Erholung zu verwechseln. Wer Exerzitien ernst nehme, erlebe sie häufig als anstrengend, wenn auch auf einer tieferen Ebene als wohltuend.
Vielleicht liegt gerade darin der entscheidende Unterschied zu unserer heutigen Vorstellung von Entschleunigung. Wenn wir uns eine Auszeit nehmen, soll sie uns gewöhnlich dabei helfen, anschließend wieder besser zu funktionieren. Wir möchten Kraft sammeln, Stress abbauen und möglichst erholt in unseren Alltag zurückkehren.
Die frühen Wüstenbewohner verfolgten ein anderes Ziel. Sie wollten nicht leistungsfähiger werden, sondern herausfinden, worauf es in ihrem Leben überhaupt ankam.

Dabei hatten sie offenbar eine Einsicht gewonnen, die sich in unserer Gegenwart leicht übersehen lässt: Äußere Stille und innerer Frieden sind keineswegs dasselbe. Wer die Geräusche der Welt zum Verstummen bringt, wird möglicherweise zunächst feststellen, wie laut es in ihm selbst ist.
Und vielleicht ist genau das der Anfang einer interessanten Erfahrung.
Denn die Wüste muss heute nicht mehr aus Sand und Felsen bestehen. Sie kann ein stiller Raum sein, ein Spaziergang ohne Kopfhörer oder eine Stunde, in der wir darauf verzichten, jede aufkommende Leere sofort mit einer neuen Beschäftigung zu füllen.
Nicht, weil wir damit automatisch bessere, gelassenere oder gar spirituellere Menschen würden. Sondern weil wir uns für einen Moment die Möglichkeit geben, wahrzunehmen, was uns beschäftigt, was uns fehlt und was uns wirklich wichtig ist.
Die Wüstenväter und Wüstenmütter hätten vermutlich darauf bestanden, dass diese Suche auf Gott ausgerichtet bleibt. Und sie hätten wohl ebenso darauf hingewiesen, dass niemand einem anderen Menschen diese Begegnung abnehmen kann.
„Niemand kann meinen Weg mit Gott gehen“, sagt Elaine im Podcast.
Ein Satz, in dem die ganze Einsamkeit, aber auch die Würde dieser alten Lebensform steckt.
Und wenn der Mittagsdämon wiederkommt?
Vielleicht sitzt er längst nicht mehr in einer ägyptischen Einsiedelei, sondern irgendwo zwischen unserem Schreibtisch, dem nächsten Termin und dem Smartphone, nach dem wir greifen, sobald sich eine unbeschäftigte Minute ergibt.
Vielleicht erscheint er uns auch nicht als Dämon, sondern als jene merkwürdige Unruhe, die uns einredet, anderswo sei alles besser, das bisherige Tun habe keinen Sinn mehr und die nächste Veränderung werde endlich die ersehnte Zufriedenheit bringen.
Die Wüstenväter und Wüstenmütter hätten diese Gedanken vermutlich sehr aufmerksam betrachtet. Denn sie wussten, dass nicht jeder Impuls, einen Ort zu verlassen, schon eine Erkenntnis darüber enthält, wohin man gehen sollte.
Johannes Cassian überliefert dazu eine kleine Geschichte. Als er einem erfahrenen Wüstenvater berichtete, er habe sich bei einem Anfall von Acedia nur dadurch helfen können, dass er seine Zelle verließ und einen anderen Mönch aufsuchte, erhielt er eine ernüchternde Antwort: Er habe die Versuchung damit nicht überwunden, sondern sei ihr ausgewichen.
Das ist gewiss kein allgemeingültiger Rat für jede Lebenskrise. Manchmal ist es richtig und notwendig, eine belastende Situation zu verlassen oder Hilfe zu suchen. Doch in der alten Geschichte steckt eine Frage, die auch unabhängig von ihrem religiösen Zusammenhang bedenkenswert bleibt:
Woher wissen wir eigentlich, ob wir gerade ein Problem lösen oder nur der Begegnung mit ihm ausweichen?
Die Wüstenväter und Wüstenmütter gingen nicht in die Wüste, weil sie dort nichts mehr zu erwarten hatten, sondern weil sie hofften, dem Wesentlichen näherzukommen. Vielleicht beginnt eine solche Annäherung manchmal damit, dass wir einen Augenblick länger bleiben, wo wir sind.
Selbst wenn die Sonne stillzustehen scheint.
Der Gedanke zum Mitnehmen
Die Wüste beginnt vielleicht dort, wo wir aufhören, uns abzulenken. Und wo wir den Mut finden, der Frage nachzugehen, was von unserem Leben bleibt, wenn es einmal ganz still wird.
Der unbekannte Fotograf von 1932 hat einen solchen Augenblick festgehalten. Die Welt hat sein Bild berühmt gemacht und ihn selbst weitgehend vergessen. Im Zeitalter künstlicher Intelligenz könnte uns gerade seine Geschichte daran erinnern, dass zwischen einem eindrucksvollen Ergebnis und einer bemerkenswerten Leistung ein Unterschied bestehDenn vielleicht wird in einer Welt, in der jedes Bild möglich ist, ausgerechnet das wieder kostbar, was sich nicht generieren lässt: die Gewissheit, dass jemand dort gewesen isDer Gedanke zum Mitnehme
Quellen & zum Weiterlesen
Athanasius von Alexandrien: Vita Antonii (Leben des Antonius), 4. Jahrhundert. Die einflussreiche Lebensbeschreibung des Wüstenvaters Antonius ist eine der wichtigsten frühen Quellen für das ägyptische Eremitentum und seine Vorstellungen von Askese und dämonischer Anfechtung.
Englische Übersetzung: Fordham University, Medieval Sourcebook – Life of Antony
Evagrius Ponticus: Praktikos, insbesondere Kapitel 6 und 12, 4. Jahrhundert. Evagrius unterscheidet acht grundlegende Versuchungsgedanken und schildert in Kapitel 12 die Acedia als Mittagsdämon, der den Mönch in Unruhe, Überdruss und Zweifel versetzt.
Griechischer Text und englische Übersetzung: Guide to Evagrius Ponticus – Praktikos
Johannes Cassian: De institutis coenobiorum, Buch X, frühes 5. Jahrhundert. Cassian widmet der Acedia eine ausführliche Betrachtung. Besonders Kapitel 1–2 beschreiben ihre Erscheinungsformen; Kapitel 25 überliefert die Begegnung mit Abba Moses.
Englische Übersetzung: New Advent – Institutes, Book X
Apophthegmata Patrum: Die Sprüche der Wüstenväter, spätantike Sammlung. Überlieferte Aussprüche und Erzählungen aus dem frühen ägyptischen Mönchtum, darunter auch Worte von Wüstenmüttern wie Amma Sarah und Amma Syncletica. Die Sammlung entstand über einen längeren Zeitraum und ist in unterschiedlichen Fassungen überliefert. Die im Artikel wiedergegebene Episode über Amma Sarah ist sinngemäß nacherzählt.
Benedicta Ward (Übers.): The Sayings of the Desert Fathers: The Alphabetical Collection. Cistercian Publications, Kalamazoo 1975, Abschnitt „Sarah“. Eine englische Übersetzung der alphabetischen Sammlung, einschließlich der überlieferten Aussprüche von Amma Sarah.
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