
Blondie besangen 1978 ein “Heart of Glass” – eine schöne Metapher für etwas sehr Zerbrechliches. Dass es tatsächlich auch ein Brain of Glass geben würde, dürften selbst Debbie Harry und Chris Stein nicht geahnt haben. Ein Stück von diesem menschlichen Gehirn aus Glas füge ich heute meiner Wunderkammer-Sammlung zu, denn schon die bloße Tatsache, dass es existiert, ist Grund genug.
Wer jetzt seine Stirn in Runzeln wirft und sagt: „Wie soll denn ein menschliches Gehirn zu Glas werden? Es besteht ja wohl kaum aus Quarz!“ reagiert so wie ich, als ich zum ersten Mal davon las.
Als Archäologen in den 1960er-Jahren im antiken Herculaneum das Skelett eines jungen Mannes fanden, ahnten sie zunächst nicht, welche Besonderheit sich in seinem Schädel verbarg. Der Mann war beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. ums Leben gekommen. Er lag in einem Gebäude, das heute als Collegium Augustalium bekannt ist, auf den Überresten eines hölzernen Bettes.

Jahrzehnte später untersuchten Forscher eine schwarze, glänzende Masse, die im Schädel gefunden worden war. Sie sah ein wenig aus wie Obsidian. Die Analysen ergaben etwas ziemlich Unglaubliches:
Es handelte sich offenbar um Überreste seines Gehirns. Und sie waren zu Glas geworden.
Moment mal: Ein Gehirn aus Glas?
Manche kennen vielleicht die sogenannten „Glasknochen“, doch die bestehen ja keineswegs aus Glas. Der volkstümliche Name der Osteogenesis imperfecta beschreibt lediglich eine Gruppe genetisch bedingter Erkrankungen, bei denen Knochen besonders leicht brechen können.
Beim Mann von Herculaneum ist die Sache jedoch verblüffender.
Denn „Glas“ bedeutet physikalisch nicht unbedingt Quarz, Fensterscheibe oder Weinglas. Glas bezeichnet einen besonderen Zustand von Materie. In einem Kristall sind Atome oder Moleküle regelmäßig angeordnet. In einem Glas dagegen bleibt ihre Struktur ungeordnet, obwohl das Material fest geworden ist. Man spricht von einem amorphen Festkörper.
Und offenbar können unter außergewöhnlichen Umständen sogar die organischen Bestandteile eines menschlichen Gehirns einen solchen glasartigen Zustand annehmen.
Bereits 2020 hatten Forscher Hinweise darauf gefunden, dass die schwarze Masse tatsächlich vitrifiziertes Gehirngewebe war. Unter dem Elektronenmikroskop fanden sie sogar Strukturen, die als Nervenzellen und deren Fortsätze interpretiert wurden. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung versuchte anschließend zu rekonstruieren, wie etwas derart Unwahrscheinliches überhaupt geschehen konnte.

Der naheliegende Gedanke ist natürlich: Es war sehr heiß. Doch Hitze allein war nicht das Entscheidende.
Eine Katastrophe von wenigen Sekunden
Beim Ausbruch des Vesuvs raste eine extrem heiße Asche- und Gaswolke durch Herculaneum. Die Forscher gehen davon aus, dass das Gehirn des jungen Mannes innerhalb kürzester Zeit Temperaturen von deutlich mehr als 510 Grad Celsius ausgesetzt war.
Eigentlich sollte man meinen: Das war’s. Organisches Gewebe wird bei solchen Temperaturen nämlich zerstört. Doch dann geschah das eigentlich Entscheidende:
Die erste extrem heiße Wolke scheint nur sehr kurz auf den Körper eingewirkt zu haben. Danach sank die Temperatur rapide. Das Gewebe wurde also nicht nur außergewöhnlich stark erhitzt, sondern anschließend außergewöhnlich schnell wieder abgekühlt. Und genau diese Kombination könnte das Gehirn vitrifiziert haben.
Das ist ein bemerkenswerter Unterschied. Denn es bedeutet: Nicht ein einzelner extremer Faktor erklärt das Brain of Glass. Entscheidend war ihr außergewöhnliches Zusammenspiel:
Wäre es weniger heiß gewesen, wäre kein Glas entstanden. Wäre die Hitze länger geblieben, wäre das Gewebe weiter zerstört worden. Wäre die Abkühlung langsamer erfolgt, hätte sich ebenfalls kein Glas gebildet.
Mehr als 510 Grad. Nur für kurze Zeit. Dann ein rapider Temperatursturz.
Und so öffnete sich ein kleines Fenster physikalischer Möglichkeiten – und schloss sich wieder.
Wenn mehr nicht einfach nur mehr bedeutet
Vielleicht ist genau das das eigentlich Faszinierende an diesem Fund.
Wir stellen uns extreme Bedingungen häufig als bloße Steigerung des Normalen vor. Wir denken häufig linear von Ursache zu Wirkung: Mehr Hitze bedeutet mehr Zerstörung, mehr Druck bedeutet mehr Verformung, mehr von A erzeugt mehr von B. Wir denken in Verlängerungen des Bekannten, doch die Natur hält sich nicht immer daran: Irgendwann kann aus einem Mehr etwas anderes werden.
Manchmal erreicht ein System einen Punkt, an dem nicht einfach nur mehr vom Gleichen geschieht. Stattdessen verändert sich die Art dessen, was geschieht. Die Wirklichkeit ist voller Schwellenwerte, Kombinationen und Kipppunkte, an denen plötzlich etwas qualitativ anderes entsteht.
Wasser ist dafür das alltäglichste Beispiel. Kühlt man es ab, wird es zunächst einfach kälter. Bei null Grad aber passiert plötzlich etwas anderes: Aus einer Flüssigkeit wird ein Feststoff. Die Moleküle folgen keinen neuen Naturgesetzen. Und trotzdem entsteht etwas, das sich vollkommen anders verhält als zuvor.
Solche Übergänge begegnen uns überall in der Natur: Materie verändert ihre Struktur, chemische Reaktionen schlagen andere Wege ein, bislang unwahrscheinliche Prozesse werden plötzlich möglich.
Das Gehirn von Herculaneum ist ein besonders verstörendes und zugleich faszinierendes Beispiel dafür, denn niemand hätte vermutlich auf die Frage „Was geschieht mit einem menschlichen Gehirn bei einem Vulkanausbruch?“ geantwortet:
Es könnte zu Glas werden.
Und trotzdem ist genau das offenbar geschehen.
Und was hat das mit Leadership zu tun?
Auch in Organisationen gehen wir häufig davon aus, dass Veränderungen vor allem die bekannten Effekte verstärken. Mehr Arbeitsdruck führt zu mehr Stress. Mehr Unsicherheit erzeugt mehr Orientierungslosigkeit. Mehr Veränderung verlangt mehr Führung.
Das kann stimmen. Aber es muss nicht die ganze Geschichte sein, denn auch soziale Systeme können Schwellen erreichen, an denen die bisherigen Annahmen nicht mehr zuverlässig funktionieren. In einer grundlegend veränderten Situation entstehen neue Verhaltensweisen, neue Formen der Zusammenarbeit und manchmal Lösungen, die vorher niemand ernsthaft in Betracht gezogen hätte. Nicht unbedingt, weil plötzlich genialere Menschen im Raum sitzen, sondern weil eine neue Wirklichkeit auch andere Möglichkeiten sichtbar macht.
Genau hier wird Leadership interessant. Führung bedeutet dann nicht nur, Menschen möglichst sicher durch außergewöhnliche Situationen zurück in den vertrauten Normalzustand zu bringen.
Manchmal besteht ihre Aufgabe darin, zu erkennen, dass der alte Normalzustand gar nicht mehr der richtige Bezugspunkt ist.
Im Normalfall wissen wir ziemlich gut, was zu erwarten ist. Schwieriger wird es, wenn sich die Voraussetzungen selbst verändern. Dann helfen die vertrauten Hochrechnungen nur noch begrenzt. Leadership bedeutet in solchen Situationen auch, nicht vorschnell Antworten auf eine Welt zu geben, die sich gerade grundlegend verschiebt. Es braucht einen Raum, in dem wir neu beobachten, sortieren und denken können.
Das ist etwas ganz anderes als die beliebte Behauptung, jede Krise sei eine Chance. Katastrophen bleiben Katastrophen, Überforderung bleibt Überforderung und extremer Druck ist noch lange keine gute Managementmethode.
Aber außergewöhnliche Umstände können einen Möglichkeitsraum öffnen, den wir aus dem Normalzustand heraus nicht sehen konnten. Gute Führung muss diesen Raum nicht sofort mit Antworten füllen. Sie muss ihn zunächst einmal erkennen.
Das Gehirn aus Glas ist dafür ein ziemlich spektakuläres Fundstück. Im Normalfall hätte es niemals entstehen können. Erst als Hitze, Geschwindigkeit und Temperatursturz jedes gewöhnliche Maß überschritten, geschah etwas, das zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre.
Vielleicht ist das die eigentliche Splittergefahr beim Denken: dass wir das Mögliche mit dem verwechseln, was wir bereits kennen.
Manchmal verändern extreme Bedingungen die Regeln des Vorstellbaren und Möglichen.
Und dann lohnt sich eine einzige Frage:
Unter welchen Bedingungen denken wir eigentlich?

Quellen & zum Weiterlesen
Petrone, P. et al. (2020): Heat-Induced Brain Vitrification from the Vesuvius Eruption in c.e. 79. New England Journal of Medicine, 382, 383–384. DOI: 10.1056/NEJMc1909867.
Zum Artikel im New England Journal of Medicine
Petrone, P. et al. (2020): Preservation of neurons in an AD 79 vitrified human brain. PLOS ONE, 15(10), e0240017. DOI: 10.1371/journal.pone.0240017.
Zum Open-Access-Artikel bei PLOS ONE
Giordano, G. et al. (2025): Unique formation of organic glass from a human brain in the Vesuvius eruption of 79 CE. Scientific Reports, 15, 5955. DOI: 10.1038/s41598-025-88894-5.
Zum Open-Access-Artikel bei Scientific Reports
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