AUS DES BARTELTS

Wunderkammer

, ,

Kanonen? Welche Kanonen?

The order that launched the Charge of the Light Brigade, 1854

Neu in meiner Sammlung von Fundstücken ist ein mit Bleistift von Hand beschriebener Zettel, der schwerwiegende Folgen hatte, denn dieser Zettel schickte 673 Männer in die falsche Richtung.

Am 25. Oktober 1854 ritten 673 britische Kavalleristen auf eine russische Artilleriestellung zu. Der Auftrag war offensichtlich gefährlich, sein militärischer Sinn zumindest zweifelhaft. Trotzdem wurde er ausgeführt. Denn manchmal scheitert Kommunikation nicht daran, dass niemand miteinander spricht. Sondern daran, dass alle glauben, längst verstanden zu haben.

Ein kleiner Zettel mit erstaunlich großen Folgen

Krim-Krieg, Oktober 1854. Großbritannien, Frankreich und das Osmanische Reich befinden sich im Krieg mit Russland. Seit einigen Wochen belagern die Alliierten den russischen Flottenstützpunkt Sewastopol. An diesem Morgen finden schwere Kämpfe bei Balaklawa statt.

Lord Raglan (FitzRoy Somerset), Oberbefehlshaber der britischen Armee im Krimkrieg. Kolorierte Lithografie von N. Maurin, um 1855. Naval History and Heritage Command, NH 120828.

Der britische Oberbefehlshaber Lord Raglan verfolgt das Geschehen von einer Anhöhe aus, von wo er große Teile des Schlachtfeldes überblicken kann. Er beobachtet, wie russische Soldaten beginnen, zuvor erbeutete britische Geschütze von einer Anhöhe fortzuschaffen, und will das unbedingt verhindern.

Also lässt er von seinem General Richard Airey einen Befehl an den Kommandeur seiner Kavallerie schreiben:

„Lord Raglan wishes the cavalry to advance rapidly to the front, follow the enemy & try to prevent the enemy carrying away the guns. Troop Horse Artillery may accompany. French cavalry is on your left. Immediate. R. Airey

„Lord Raglan wünscht, dass die Kavallerie rasch nach vorn vorgeht, dem Feind folgt und versucht zu verhindern, dass der Feind die Geschütze fortschafft.“

Und der letzte Hinweis macht deutlich, dass es eilt: Immediate. Sofort.

Captain Louis Nolan erhält den Zettel und reitet damit hinunter zur Kavallerie. Dort wartet Lieutenant-General George Bingham, 3rd Earl of Lucan.

Lucan liest den Befehl – und hat ein Problem.

Welche Geschütze?

Was Raglan von seinem erhöhten Standort aus sehen kann, kann Lucan unten im Tal nämlich nicht sehen. Die Topografie versperrt ihm den Blick auf genau jene Geschütze, die Raglan meint. Für Raglan ist der Satz „die Geschütze“ vollkommen eindeutig. Schließlich stehen sie direkt vor seinen Augen. Für Lucan dagegen fehlt ausgerechnet diese entscheidende Information.

Lord Lucan
Mezzotint by unknown artist after Sir Francis Grant (1803-78), publisher unknown, 1855 (c)

Er fragt Nolan deshalb, welche Geschütze gemeint seien. Über den genauen Wortwechsel gibt es unterschiedliche zeitgenössische Darstellungen. Sicher ist jedoch: Nolan macht deutlich, in welcher Richtung ungefähr der Angriff erfolgen soll. Und dort sieht Lucan etwas sehr anderes als Raglan: Am Ende eines langen Tals steht russische Artillerie.

Nicht einige Geschütze, die gerade abtransportiert werden, sondern eine gut vorbereitete feindliche Batterie. Auf den Höhen zu beiden Seiten des Tals befinden sich weitere russische Geschütze und Soldaten. Aber Lucan gibt den Befehl trotzdem weiter.

Empfänger des Befehls ist Major-General James Brudenell, 7th Earl of Cardigan, der Kommandeur der Light Brigade. Pikanterweise ist Cardigan nicht irgendein Untergebener Lucans, er ist sein Schwager. Und die beiden können einander nicht ausstehen.

Ihr Verhältnis war seit Jahren von persönlichen Konflikten, gegenseitiger Geringschätzung und Streit geprägt. Ausgerechnet in einer Situation, in der Vertrauen, Rückfragen und gemeinsames Nachdenken besonders wichtig gewesen wären, standen sich also zwei Männer gegenüber, deren persönliche Beziehung denkbar schlecht war.

Cardigan weist Lucan darauf hin, dass vor ihnen eine Batterie liege und sich auf beiden Seiten des Tals weitere Geschütze und Schützen befänden, doch Lucan bleibt beim Befehl, denn schließlich kommt er von Lord Raglan. Und Cardigan gehorcht.

673 Männer reiten in ein Tal

Die Light Brigade bestand damals aus fünf Regimentern leichter Kavallerie. Ihre Stärke lag in Geschwindigkeit und Beweglichkeit. Sie sollte aufklären, gegnerische Flanken angreifen, fliehende Truppen verfolgen oder verwundbare Ziele attackieren. Sie waren nicht durch schwere Rüstungen geschützt und kämpften zumeist mit Säbeln und Lanzen. Für einen Frontalangriff auf eine vorbereitete Artilleriestellung waren die Reiter jedoch denkbar ungeeignet.

Charge of the Light Brigade, Balaclava, 25 October 1854 by Richard Caton Woodville junior.

Trotzdem ritten an diesem Vormittag 673 Männer in das Tal hinein. Vor ihnen feuerte die russische Artillerie, von den Höhen rechts und links ebenfalls. Die Brigade erreichte tatsächlich die russischen Geschütze und durchbrach zeitweise deren Stellung. Aber der Preis war enorm. Rund 260 Männer wurden getötet, verwundet oder gerieten in Gefangenschaft; Hunderte Pferde gingen verloren. Captain Nolan, der Raglans Befehl überbracht hatte, gehörte zu den ersten Toten.

Wenige Wochen später machte Alfred Lord Tennyson den Angriff mit seinem Gedicht The Charge of the Light Brigade unsterblich. Darin stehen die vielleicht berühmtesten Zeilen über militärischen Gehorsam:

Theirs not to reason why,

Theirs but to do and die.

Sie hatten nicht nach dem Warum zu fragen. Sie hatten zu handeln und zu sterben.

Das Problem mit der Aussicht

Der Fehler lag nicht bei einer einzelnen Person, sondern  es handelte sich um eine Verkettung von Kommunikationsproblemen:

  • Der Sender setzte gemeinsames Lagewissen voraus.
  • Der Befehl war mehrdeutig.
  • Der Überbringer erklärte nicht.
  • Der Empfänger fragte nicht hartnäckig nach.
  • Die Hierarchie verhinderte offene Kommunikation.

Jeder handelte dabei in seiner Rolle nachvollziehbar und gerade deshalb entstand die Katastrophe.

Das wirklich Interessante an dieser Geschichte ist nicht der schlecht formulierte Befehl. Es ist die unterschiedliche Perspektive der Beteiligten: Raglan steht oben auf einer Anhöhe. Lucan steht unten im Tal. Raglan sieht die Geschütze, die er meint. Lucan sieht sie nicht. Wenn Raglan also von „den Geschützen“ spricht, gibt es für ihn überhaupt keinen Anlass anzunehmen, dass jemand nicht wissen könnte, wovon die Rede ist.

Und genau das macht die Geschichte nun wieder erstaunlich modern.

Wir alle neigen dazu, das Wissen in unserem eigenen Kopf mit dem Wissen unseres Gegenübers zu verwechseln. Was für uns offensichtlich ist, halten wir schnell auch für andere für offensichtlich. Wir kennen schließlich die Vorgeschichte, das Ziel, die Zusammenhänge und die Gründe für eine Entscheidung. Unser Gegenüber kennt vielleicht nur den Satz, den wir gerade ausgesprochen haben.
So finden sich in diesem historischen Ereignis fast alle typischen Kommunikationsfehler wieder:

  • unterschiedliche mentale Modelle,
  • fehlender Kontext,
  • implizite Annahmen,
  • Zeitdruck,
  • Hierarchie,
  • fehlende Rückversicherung,
  • und die Illusion, dass ein gesendeter Auftrag automatisch ein verstandener Auftrag sei.


Das passiert auf Schlachtfeldern. Und es passiert jeden Tag in Unternehmen.

Wenn zur Unklarheit noch Beziehung kommt

Balaklawa erzählt aber noch von etwas anderem. Kommunikation findet niemals nur auf einer Sachebene statt.

Dass ausgerechnet Lucan und Cardigan den entscheidenden Teil der Befehlskette bildeten, macht das besonders deutlich. Zwei Schwager, die sich persönlich nicht leiden konnten, sollten unter enormem Zeitdruck einen zweifelhaften Befehl miteinander klären.

Natürlich lässt sich nicht behaupten, ihre Feindschaft habe allein den Angriff verursacht. Dafür war die Situation wesentlich komplexer. Aber persönliche Animositäten, Misstrauen und verletzte Eitelkeiten bilden selten einen guten Resonanzraum für eine offene Kommunikation.

Und auch das kennen wir aus Organisationen: Ein Satz zwischen zwei Menschen, die einander vertrauen, kann völlig anders verstanden werden als derselbe Satz zwischen zwei Menschen, zwischen denen seit Monaten ein Konflikt schwelt.

Hierarchie verschärft dieses Problem noch. Cardigan äußerte seine Bedenken, führte den Befehl aber dennoch aus. Lucan wiederum stand unter dem Druck, Raglans Anweisungen umzusetzen. In einem System, in dem Widerspruch als mangelnde Entschlossenheit oder gar Ungehorsam verstanden wird, kann aus Unsicherheit erstaunlich schnell Gehorsam werden.

Das ist eine sehr unbequeme Erkenntnis für Führende, denn Mitarbeitende, die einen Auftrag ohne Widerrede ausführen, sind nicht zwangsläufig ein Zeichen guter Führung. Manchmal sind sie ein Zeichen dafür, dass niemand mehr wagt zu sagen:

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“

Wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass Kommunikation gelingt?

Raglan hatte kommuniziert. Nolan hatte den Auftrag übermittelt. Lucan hatte ihn empfangen. Cardigan hatte ihn ausgeführt. Rein technisch betrachtet funktionierte die Kommunikationskette also hervorragend.

Aber die Verständigung funktionierte nicht.

Meiner Meinung nach liegt darin ein wichtiger Unterschied, der im Alltag leicht verloren geht: Eine Nachricht zu senden bedeutet noch lange nicht, dass Kommunikation gelungen ist.

Vielleicht muss Führung manchmal die Anhöhe verlassen

Seit Balaklawa sind mehr als 170 Jahre vergangen. Unsere Kommunikationsmittel hätten Lord Raglan vermutlich wie Zauberei erscheinen müssen. Wir haben Smartphones, Videokonferenzen, Echtzeit-Dashboards, Messenger und inzwischen künstliche Intelligenz. Informationen können praktisch ohne Zeitverlust von einer Seite der Welt auf die andere gelangen. Aber das Problem von 1854 haben wir trotzdem nicht gelöst.

Die entscheidende Distanz zwischen Menschen wird nicht in Metern oder Übertragungsgeschwindigkeit gemessen. Sie liegt zwischen ihren Perspektiven.

Und daher glaube ich, dass gute Führung nicht darin besteht, immer präzisere Anweisungen von der Anhöhe hinunterzurufen. Vielleicht besteht sie manchmal darin, die eigene Position zu verlassen und zu schauen, wie die Welt von dort unten aussieht, denn was von oben vollkommen eindeutig erscheint, kann unten im Tal etwas völlig anderes bedeuten.

Krim-Krieg: High-Tech von 1854 trifft Waterloo

Der Krimkrieg von 1853–1856 war einer der ersten Kriege, in denen die industrielle Moderne mit voller Wucht auf eine noch weitgehend vorindustrielle Militärkultur traf. Eine wissenschaftliche Untersuchung beschreibt ihn entsprechend als Krieg, der zunächst weitgehend traditionell geführt wurde und dann zur Bühne neuer Technologien wurde. 

Roger Fenton (1819 – 1869), Photograph of the railway yard at Balaclava, 1855, public domain

Dampfschiffe transportieren Truppen und Material. Eine eigens gebaute Eisenbahn von Balaklawa Richtung Sewastopol verbessert die Versorgung. Ein elektrischer Feldtelegraph verbindet 1855 sogar Raglans Hauptquartier mit Balaklawa; nach Verlegung eines 547 Kilometer langen Unterseekabels konnten London und Paris innerhalb von etwa 24 Stunden mit ihren Befehlshabern auf der Krim kommunizieren. Dazu kamen präzisere Gewehre mit gezogenen Läufen. Eine erstaunlich moderne Welt tauchte auf den Schlachtfeldern auf und so entsteht auch etwas völlig Neues: Krieg in nahezu medialer Echtzeit.

William Howard Russell berichtet für The Times von der Front und konfrontiert die britische Öffentlichkeit mit Missständen, Verwundeten und militärischem Versagen. Roger Fenton fotografiert den Krieg. Dadurch wird der Krimkrieg zu einem frühen „Medienkrieg“ beziehungsweise, wie er gelegentlich genannt wird, zum ersten „armchair war“: Die Heimat kann plötzlich aus der Ferne am Kriegsgeschehen teilhaben. 

Komplett veraltet war jedoch noch die eigentliche Kriegsführung: Kavalleristen reiten mit Säbeln und Lanzen in Formation. Offiziere stammen vielfach aus einer aristokratisch geprägten Militärkultur. Persönliche Ehre, Rang und Gehorsam spielen enorme Rollen. Befehle werden von berittenen Adjutanten überbracht – wie eben Nolans Zettel bei Balaklawa. Die militärische Führung hatte seit den Napoleonischen Kriegen kaum Erfahrung mit einem großen europäischen Krieg; selbst die Logistik erwies sich als katastrophal. Das National Army Museum fasst die britische Erfahrung geradezu als Kombination aus militärischer und logistischer Inkompetenz einerseits und Tapferkeit der Soldaten andererseits zusammen. 

Die Technik war also bereits im Industriezeitalter angekommen, Teile der Organisation und Führung steckten gedanklich jedoch noch in der Welt von Waterloo.

Gleichzeitig beginnt nur wenige Monate später auf demselben Kriegsschauplatz die elektrische Telegraphie, die Entfernung zwischen London und dem militärischen Hauptquartier beinahe aufzuheben. Das National Army Museum zitiert sogar den späteren britischen Oberbefehlshaber James Simpson mit seiner Klage über die neue Einmischung aus London:

 “The confounded telegraph has ruined everything.”

Die verfluchte Telegraphie habe alles ruiniert. 

Das kommt uns doch durchaus bekannt vor, denn darin steckt bereits ein Problem, das wir heute mit Teams, Slack, Smartphone und KI wiedererkennen:

Schnellere Kommunikation bedeutet nicht automatisch bessere Kommunikation.

Quellen & zum Weiterlesen

National Army Museum. “Battle of Balaklava.” Online-Ausstellung

National Army Museum. “Order That Launched the Charge of the Light Brigade, 1854.” Online Collection, Objekt-Nr. 1962-11-4-3.

Encyclopaedia Britannica. “Charge of the Light Brigade.”

Encyclopaedia Britannica. “Battle of Balaklava.”

Tennyson, Alfred, Lord. “The Charge of the Light Brigade.” Erstveröffentlichung 1854.

Figes, Orlando. The Crimean War: A History. New York: Metropolitan Books, 2010.

„The Charge of the Light Brigade and the Afterlife of the Crimean War“. In: 19: Interdisciplinary Studies in the Long Nineteenth Century, 2015.

Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von aus des Bartelts Wunderkammer

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen